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Chinesische Kulturrevolution und ihre zerstörerischen Auswirkungen

Unter anderem zerstörten die Roten Wachen während der chinesischen Kulturrevolution viele unbezahlbare Artefakte. (Bildnachweis: Flickr / CC0 2.0)

China hat sich bis heute zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht entwickelt und beliefert die ganze Welt mit seinen Produkten. Vor rund 50 Jahren war dies noch unvorstellbar. Mao Zedong gab im Mai 1966 den Startschuss für die Kulturrevolution, um aus dem Agrarstaat eine Industriegesellschaft zu machen. Die Etablierung des Kommunismus brachte China zehnjährigen Terror des Klassenkampfs, der Millionen Bürgern das Leben kostete. Diese schreckliche Revolution wird in extremen Fällen sogar mit dem Holocaust gleichgesetzt.

Die Zerstörung von Tradition und Kulturgütern war eine Grundvoraussetzung, um ein ultralinkes Parteiensystem integrieren zu können. Bis heute hat sich das Land nicht von den drastischen Eingriffen erholt.  

Vorgeschichte

Mao inspirierten die Lehren und Schriften von Karl Marx und Wladimir Lenin.

Schon ab 1949 initiierte er eine Massenbewegung nach der anderen, um eine Veränderung im Bewusstsein der Bevölkerung zu bewirken. Er hob dabei stets die Bedeutung der Schaffung des „neuen sozialistischen Menschen“ für die Gesellschaft hervor. Die ersten Klassenkämpfe beeinflussten das Land. Dies waren die Vorbote der Kulturrevolution.

Ende der fünfziger Jahre führte der von Mao initiierte „Große Sprung nach vorne“ in eine wirtschaftliche Krise und hatte verheerende Hungersnöte zur Folge, deren Opferanzahl sich auf bis zu 45 Millionen belief! Aufgrund dieses, offiziell nicht zugegebenen Scheiterns, zog sich Mao vorerst aus der Tagespolitik zurück, behielt aber das Amt des Parteivorsitzenden. Er zeigt sich selten öffentlich und baut sich bewusst ein geheimnisvolles, gottähnliches Image auf. Durch verschiedenste Kampagnen, wie „Lernt von Lei Feng“ (ein junger Soldat, der als parteitreues Vorbild ein uneigennütziges Leben führte) erzog er die Bevölkerung und vor allem die Jugend zu treuen Anhängern. 

Maos Aufruf zur Anarchie

1966 spitzten sich die Ereignisse zu. Mao war der Meinung, dass die Partei eine zu kapitalistische Richtung einschlug. Er wollte zurück an die Macht und die Klassenkämpfe erneut intensivieren. Da er nicht mehr sicher gehen konnte, welche Parteifunktionäre noch treu hinter ihm stehen, ging er drastisch vor. Die Kontrolle über die Armee machte es ihm leicht. Sein Leitspruch war „Zerstört erstmal alles, der Aufbau kommt von alleine“. In der Volksrepublik China begann eine politische Kampagne, die geschichtlich als „Große proletarische Kulturrevolution“ bekannt wurde. Nun wurde der Plan, aus einer vom Konfuzianismus geprägten Zivilisation eine egalitäre Gesellschaft zu formen, umgesetzt. Dafür mussten die bis dahin geltenden Wertesysteme der Menschen vollständig eliminiert werden, sodass auch zu späteren Zeiten keine dieser moralischen Werte der Parteikultur jemals in die Quere kommen könnte. Alle Zeitzeugen vergangener Tage und ihre Erinnerungen an die chinesische Hochkultur gerieten so in Vergessenheit.[

Wandzeitungen und Parolen

Die Verfolgung der Intellektuellen war facettenreich. 1966 wurde erstmals von der Pekinger Philosophiedozentin Nie Yuanzi eine polemische Wandzeitung gegen ihre Hochschulführung veröffentlicht. Mao kam das wie gerufen. Er bezog sich in einem Text direkt auf diesen Protest und forderte die Leute auf, es Nie Yuanzi gleich zu tun: „Bombardiert das Hauptquartier“. Danach verbreitete sich dieses Vorgehen unter den treuen Studenten wie ein Lauffeuer. Durch diese Wandzeitungen wurden die Straßen Chinas von marxistisch-leninistischen Plakaten überschwemmt. 

Halbwüchsige liefen scharenweise, bewaffnet mit Eimern voller Kleister und Papierrollen umher, um ihre kritischen Anschauungen über das „kapitalistische Bildungssystem“ und die „reaktionären, akademischen Autoritäten“ an den Wänden von Gebäuden zu platzieren.

Dabei riefen sie die Parolen Maos voller Überzeugung durch die Straßen Chinas, wie: „Wir werden alle vernichten, die sich dem Vorsitzenden in den Weg stellen!“ und „Die Liebe zu Mutter und Vater gleicht nicht der Liebe zu Mao Zedong“. Diesem Leitsatz folgend wurde unter anderem die Loyalität innerhalb der Familie hinter jene zur Partei gestellt. Kindern wurde gelernt ihre Eltern als Feind anzusehen, wenn diese die Partei hinterfragten.

Ab Juni 1966 stoppte der reguläre Unterricht und die Vorlesungen in den Ausbildungsstätten. Stattdessen wurden die Schüler angehalten tagein und tagaus die Schriften Maos zu rezitieren. Millionen junge Menschen zwischen zwölf und 25 Jahren wurden damit beauftragt ihre Traditionen zu verleugnen und Zusammenkünfte zu organisieren. Sogenannte „Arbeiterpropagandagruppen“ übernahmen die Leitung an Schulen und Hochschulen. Professoren wurden zu Geländesäuberungen eingesetzt und zu Massenkampfversammlungen gezerrt. Bei diesen Zusammentreffen mussten sie sich den Fragen der Schüler und Studenten stellen. „Warum bist du eigentlich gegen die Kommunistische Partei“ oder „Welches Gift hast du in deinem Hörsaal den Studenten eingeträufelt“. Die „falsche“ Antwort konnte folgenschwere Auswirkungen haben.

Die Selbstmordrate innerhalb der Intellektuellen und der Mittelschicht stieg signifikant. 

Parallel zu den Erniedrigungen der Lehrkörper wurden auch Reformierungen am Lehrplan vorgenommen. Somit wurde die chinesische Geschichte nur noch oberflächlich unterrichtet. Später war sie im Lehrplan gar nicht mehr enthalten. Darauffolgend wurde sie als Kritikobjekt unterrichtet und schlussendlich als Wertlosigkeit verunglimpft. 

Die Folgen dieses Eingreifens sind, dass die heutigen Chinesen weder ihre eigene Geschichte noch etwas über ihre Traditionen wissen.

Geburtsstunde der Roten Garde

Die Kulturrevolution wurde von Kritikversammlungen, Kampfsitzungen und politischen Parolen geprägt. Jugendliche und Studenten wurden uniformiert und mit dem bekannten „kleinen roten Buch“ und einer roten Schleife für den Oberarm ausgestattet. Dies war die Geburtsstunde der Roten Garde. 

Die Rotgardistenbewegung wurde von Oskar Weggel in „Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert“ auf den Zeitraum 1966 bis zum 9. Parteitag im April 1969 datiert. Sie setzte sich zuerst aus rebellischen Studenten und Lehrern zusammen, später auch vermehrt aus Menschen aus schlechter gestellten Gesellschaftsschichten. Sie wurden direkt von Mao unterstützt, da er erkannte, welche Macht und Gewalt von der Roten Garde ausging. Und sie waren ihm hörig. Auch wenn einige unter ihnen selbst übermannt von dem brutalen Vorgehen ihrer Kollegen waren, war der Druck und der Glaube an Mao zu groß um Widerstand zu leisten. 

Blutrünstige Massenbewegung 

Mao rief auf gegen „Kapitalistenhelfer“ vorzugehen, jedoch war dieses Feindbild kaum definiert. Somit konnte es jeden treffen. Viele nutzten dies auch für persönliche Rachefeldzüge und erfanden Vorwürfe. Jeder konnte von jedem verraten werden. Das Misstrauen in der Bevölkerung nahm drastisch zu. Man wagte kaum mehr selbstständig zu denken. Jede kritische Äußerung konnte einem die Freiheit und das Leben kosten. 

Mit den Parolen „Zerschlagt die Vier Alten“ wurde die Zerstörung von alten Denkweisen, Kulturen, Gewohnheiten und Sitten angestachelt. In der Folge wurden Funktionäre, Intellektuelle und Künstler zu Hunderttausenden verfolgt, gefoltert und getötet, so die „Neue Zürcher Zeitung“. Der Zweck war, unter anderem die wirtschaftliche Macht in die Hände einiger weniger selbsternannter Führer zu legen. Aber auch einen „neuen Menschen“ nach kommunistischer Vorstellung zu erschaffen.

Die Rotgardisten räumten „die Bühne“ mit einer unvorstellbaren Brutalität für die Kommunisten frei. Innerhalb kürzester Zeit belief sich ihre Anzahl der Verbündeten auf mehrere Millionen. Es herrschten anarchische Zustände.

Rechtsstaatlichkeit und Ordnung wurden völlig außer Kraft gesetzt. Der Mord an Gelehrten und deren gesamten Familie wurde politisch gefördertDie kulturellen Eliten wurden gnadenlos verfolgt, denunziert und in der Öffentlichkeit ihrer Würde beraubt.

„800 Millionen Chinesen wurden in verschiedenen revolutionären `Komitees` organsiert, wo sie sich gegenseitig bekämpften und, schlimmer noch, umbrachten“, schrieb Changshan Li M.A. in seiner Inaugural-Dissertation über die Kulturrevolution in China. 

Abb.1: Viele von Chinas religiösen Schriften, Tempeln und Literatur wurden zerstört, weil ihnen die Schuld am mangelnden Fortschritt gegeben wurde (Image: Wikimedia Commons)

Vandalismus und seine unberechenbaren Auswirkungen

Um eine „neue Welt“ zu erschaffen, zogen die Roten Garden wie ein Gewittersturm übers Land. Eine nicht enden wollende Flut der Gewalttaten, Plünderungen und Verwüstungen zogen über das Land hinweg. Denkmäler, Tempeln, Bibliotheken wurden vernichtet und traditionelle Relikte, wie Schriftrollen zerstört. Altes Wissen wurde ohne Rücksicht auf Verluste dem Erdboden gleich gemacht. All das als Ausdruck der Loyalität zur Partei. 

Nichts, was mit der traditionellen chinesischen Hochkultur zu tun hatte, war zu jener Zeit sicher. Sogar religiöse Stätten und Gräber von historischen Persönlichkeiten wurden beraubt und entweiht. Die Anhänger der Kommunisten zerstörten auch viele einzigartige Artefakte, wie die aus dem Grab des Kaisers Wan Li aus der Ming-Dynastie. Die Überreste des Kaisers und der Kaiserin wurden in Peking öffentlich angeprangert und verbrannt.

Angesichts des vorherrschenden Ausmaßes an Zerstörung, ist es wohl außergewöhnlich, dass die Verbotene Stadt dem Massenchaos entkommen konnte.

2. Verbrennungen von Buddha Statuen (Image: Wikimedia Commons)

Wahre Zahlen, über das in Trümmer legen von Kunst- und Kulturgegenständen, wurden nie erhoben. Doch der Verlust für die chinesische Literatur ist erschreckend. Der Hass des Regimes gegen die Traditionen und somit gegen das Wertesystem der Menschen, war allgegenwärtig und wurde unverkennbar zum Ausdruck gebracht. Bezeichnend für die damalige Tagesordnung waren daher auch die Hausdurchsuchungen bei der Mittelschicht. Demnach machte der Eifer der roten Wachen auch keinen Halt vor alten Genealogiebüchern und Ahnenbildern der Familien. Diese wurden in theatralischer Zurschaustellung in Schutt und Asche gelegt. 

Nach dem Buch: Mao’s Last Revolution (von Roderick MacFarquhar) waren bis zum Ende der Kulturrevolution 4.922 der 6.843 offiziell ausgewiesenen „historischen Sehenswürdigkeiten“ allein in Peking zerstört worden, darunter der 2.000 Jahre alte Konfuzius Tempel. Dabei wurden kostbare Kulturrelikte vernichtet, sowie religiöse Texte und Holzfiguren verbrannt.

Chinas Kulturrevolution. Plünderung und Zerstörung von Figuren vor einem Konfuziustempel. (Bild: Wikimedia Commons)

Auch wenn es heutzutage so scheint, als habe die chinesische Führung einen Wandel erlebt und der Schutz von Kulturerbestätten wäre ein Teil dieser Veränderung, äußern Kritiker, der Zweck diene nicht der Erhaltung und dem Schutz des Kulturerbes, sondern den wirtschaftlichen Aspekten. Denn als Touristenattraktion gewinnen diese Schauplätze an Beliebtheit. 

Der heutige Zugang Chinas zu den damaligen Taten

Das chinesische Regime reagiert auf ihre Fehler wie üblich, „kritische Diskussionen werden in der Öffentlichkeit unterbunden, und in Schulbüchern wird der Zeitraum so knapp behandelt, dass die Kulturrevolution für die jüngere chinesische Generation ähnlich fremd und von der eigenen Lebenswirklichkeit entrückt erscheint wie die Jungsteinzeit.“, so die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung.

Der Verlust des kulturellen Erbes ist die eine Sache, die andere Sache ist der Schaden am Volk direkt. Ein Pekinger Maler drückt es in der Süddeutschen Zeitung so aus: 

„Wir Chinesen haben seither kein Immunsystem mehr. Seit damals sind wir als Gesellschaft gegen alle Arten von Krankheit machtlos.“ Und so die Sz.de weiter: „Der Verlust aller Werte, den viele Chinesen beklagen, die Haltlosigkeit, das kollektive Misstrauen, es hat seine Wurzeln auch in dem, was damals geschah. Das Land, in dem Kollegen, Nachbarn, Familienangehörige einander damals über Jahre hinweg demütigten, verrieten, misshandelten und töteten, es ist noch heute ein Land, in dem keiner keinem traut.“

Vor allem Maos zentrale Rolle wird verschwiegen. Die chinesische Führung gesteht zwar teilweise Fehler ein, eine öffentliche Debatte über Maos Verbrechen wird dennoch nicht geduldet. Die kommunistische Partei Chinas verdankt Maos Revolution ihre alleinige Macht und möchte seinen Ruf tunlichst bewahren. Weil es keine objektive Aufarbeitung der Geschichte in der Bevölkerung gibt, werden Mao-verehrende Gruppen wieder stärker. Aufgrund wachsender Ungleichheit und Korruption in China fühlen sich manche wieder zu Maos Ideologie hingezogen. 

„Es hat bislang keine sorgfältige und gründliche Aufarbeitung dessen gegeben, was Mao als Revolutionär und als Staatsführer alles angerichtet hat. Richtige oder gute Sachen genauso wie falsche Dinge oder sogar Verbrechen. Ich meine eine Aufarbeitung, wie es sie zum Beispiel in Deutschland gegeben hat. Mao wird immer noch als großer Führer oder sogar Gott angesehen. Das System, das Mao erschaffen hat, lebt in China weiter. Seine Kameraden waren und sind immer noch die Partei und die Menschen an den Schaltstellen der Macht in China. Und diese Situation haben wir auch heute noch“, wird Dissidentin Dai Qing im Deutschlandfunkkultur.de zitiert.

Changshan Li M.A. aus Harbin, VR China, schrieb folgendes Fazit in seiner Dissertation über die chinesische Kulturrevolution: „Bei der Auseinandersetzung mit der Thematik fehlt es den Arbeiten oft an Überzeugungskraft. Da die Bewertung der Kulturrevolution von der chinesischen Regierung beschränkt wird, kann bezüglich der Authentizität einzelner Ereignisse keine Einigung erzielt werden. Die Führung versucht auch heute noch die Bewertung der Kulturrevolution zu kontrollieren und sie nach ihren Gunsten zu lenken.“ Weiter meint dieser, dass über die Erforschung dieser Zeit Klarheit für die Nachwelt geschaffen werden sollte. Dies könnte als Warnung für künftige Generationen aufgefasst werden, damit sich die Geschichte nicht wiederholt.


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