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Das Trugbild der Gefühle- warum es manchmal besser ist, nicht auf sie zu hören

Hinter dem Steuer wird oft der Sanfteste zum Wüterich. (Bild: iStock)

Viele kennen diese Situation: Sie sitzen im Auto, haben es eilig und der Fahrer vor Ihnen hat natürlich keine Ahnung davon. Es kommt Ihnen vor, als würde er extra langsam fahren und Wut auf den unbekannten Ahnungslosen überkommt Sie. Jedoch: Ist es wirklich dieser Fahrer, der Sie wütend macht? Lesen Sie hier, warum es manchmal ratsam ist, den spontan und intensiv auftretenden Gefühlen besser nicht zu trauen und wie man dadurch seinen Geist befreien kann.

„Vertrauen Sie auf Ihr Gefühl“ ist wohl ein Satz, den jeder schon einmal gehört hat. Authentisch zu sein und möglichst viele Gefühle zu zeigen, wird als Schlüssel zum Erfolg verkauft. Dies gilt vor allem für junge Menschen. Gefühle werden sogar an Hochschulen und Universitäten mittlerweile oft als nahezu unantastbar gehandelt.

Gillian McCann, Professor für Religionswissenschaften und Kultur an der Nipssing University in Kanada, erzählt, dass ihr damals als Studentin von ihrem damaligen Dissertationsbetreuer geraten wurde „einfach auf ihre Gefühle zu hören“. Als sie das einem Freund erzählte, sagte dieser treffend:

 „Das ist der Ratschlag, der eine ganze Generation ruiniert hat.“

McCann beschäftigt sich gemeinsam mitCo-Autorin Dr. Gitte Bechsgaard in „The Sacred in Exile“ mit den immer häufiger auftretenden Problemen von emotionalen Entgleisungen und Abhängigkeiten. 

Verschiedenste Emotionen begleiten einen durch den Tag. Sie verraten uns viel über uns selbst. (Bild: iStock)

„Wir leben in einer Kultur, in welcher es befürwortet wird, in allen Lebenslagen den Gefühlen Ausdruck zu verleihen, ungeachtet der Zusammenhänge oder der Konsequenzen.“, so McCann und Bechsgaard.

Die beiden Autoren erläutern, dass ein „unterentwickelter Geist“ zum eigenen größten Feind werden kann. Unter diesem Begriff verstehen sie unter anderem Gefühlsausbrüche, die weder in Relation zum Erlebten stehen noch zu einer produktiven Veränderung beitragen.

Gedanken lösen Gefühle aus – nicht umgekehrt

Auch Barry Brownstein, Professor für Wirtschaft und Unternehmensführung, sowie Autor des Buches „The Inner-Work of Leadership“ erzählt in einem Beitrag in Foundations of Economic Education von einem Morgen, der ihm eine wichtige Erkenntnis brachte:

„Als ich gerade mein Frühstück in meinen Instant Pot (Schnellkochtopf) gegeben hatte und während der Wartezeit mit meiner Arbeit beginnen wollte, bemerkte ich, dass ich mit dem falschen Fuß aufgestanden war. Ich bemerkte eine tiefe Traurigkeit und war genervt.“

Als Brownstein gerade mit seinen Meditationsübungen beginnen wollte, hörte er wie starker Dampf aus dem Instant Pot entwich, weil dieser nicht ordnungsgemäß verschlossen war.

„Außer mir rannte ich in die Küche und schrie frustriert herum.“, erzählt Brownstein.

Allerdings war er kurze Zeit später erschrocken, dass er solche negativen Gefühle in seinem Inneren trug. „Der entweichende Dampf hatte symbolisch offengelegt, was in meinem Innersten herumgeistert.“, stellt er fest.

Brownstein begriff in diesem Moment, dass er entweder den Instant Pot für seinen Ärger verantwortlich machen könne oder sich seinen inneren Gedanken stellen konnte.

Die Suche im Außen

Die äußeren Umstände oder andere Menschen für die eigenen Gefühle verantwortlich zu machen ist eine häufige Flucht vor der Konfrontation mit den eigenen Gedanken und Gefühlen.

Die Schuld beim Anderen zu suchen liegt meist nah, doch mit anderem Blick auf die Dinge gewinnt man viele neue Einsichten. (Bild: iStock)

Wenn man Groll empfindet, wird zum Beispiel dem Partner vorgeworfen, dass er nicht genügend Unterstützung entgegenbringt. Wenn man gestresst und nervös in die Arbeit kommt, gibt man dem dichten Morgenverkehr die Schuld. Wenn man traurig ist, liegt es an der tristen Gesamtsituation der Welt.

„Wir haben Ursache und Wirkung vertauscht“, erklärt auch der amerikanische Autor und Regisseur Michael Crichton.

„So wie nasse Straßen keinen Regen verursachen, können Gefühle auch keine Gedanken auslösen. Probieren Sie es aus. Versuchen Sie Wut zu fühlen. Können Sie Wut empfinden, ohne sich zuerst etwas Ärgerliches in Gedanken zu rufen?“ so Crichton weiter.

Der Instant Pot war nicht der Grund für den Frust von Brownstein, vielmehr brachte er den Frust in seinem Inneren ans Licht. Der Stau im Pendlerverkehr verursacht auch keine Wut, er offenbart die innere Wut. Beziehungen erzeugen keinen Groll, sie bringen den Groll, den man in sich trägt, an die Oberfläche.  

„Die Gedanken von den Gefühlen zu trennen und etwas im Außen für die eigenen Emotionen verantwortlich zu machen, ist der Beginn der emotionalen Versklavung.“, ist Brownstein überzeugt.

Verdrehte Wahrnehmung

Viele Menschen neigen dazu Gefühle als Antwort auf die äußeren Umstände zu betrachten. Angst, Nervosität, Depression, Sorge, Groll und andere Gefühle werden als Konsequenz auf die Taten anderer Menschen, vergangener Ergebnisse, mögliche Ereignisse in der Zukunft oder andere unliebsame Situationen angesehen.

Zudem zeigt sich, dass viele Menschen häufig dazu neigen, negativen Gefühlen besonders viel Aufmerksamkeit zu schenken. Dies spiegelt sich auch in der stark steigenden Anzahl von Verschreibungen für Beruhigungsmittel wider, wie eine Studie aus dem Vorjahr zeigt. Für viele Menschen scheinen Medikamente, die den Geist betäuben, die einzige Lösung zu sein.

Allerdings könnte das an einer verdrehten Wahrnehmung liegen und ein Missverständnis darüber sein, wie unser Geist funktioniert. Marcus Aurelius schrieb im zweiten Jahrhundert nach Christus in „Mediations“:

„Unser Leben ist, das wozu unser Denken es macht.“

Marc Aurelius

Im Inneren suchen und Verantwortung übernehmen

Als Metapher für diese Situation wird immer wieder eine Legende über den im Jahre 1895 ausgesendeten ersten Kurzfilm in Paris verwendet. In diesem Stummfilm wird ein Zug gezeigt, der durch einen Bahnhof fährt. Es gibt Berichte von der Aussendung des Filmes, dass damals einige Zuschauer in Panik aufgesprungen seien, als sie den Zug am Bildschirm auf sich zufahren sahen.

Egal ob diese Geschichte war ist oder nicht, sie zeigt aber, dass Gefühle in vielen Situationen durch die eigenen Gedanken bestimmt werden und nicht von der Situation selbst.

Der amerikanische Bestseller-Autor Stephen Covey brachte es in seinem Buch „7 Eigenschaften erfolgreicher Menschen“ auf den Punkt, indem er sagte:

„Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist. Wir sehen sie so, wie wir sind.“

Stephen Covey

In jedem Moment und jeder Situation liegt es an einem selbst, ob man die Verantwortung übernehmen will, wie man die Welt wahrnimmt.

Unabhängig von den äußeren Umständen gelassen bleiben? Übungsfelder im Alltag gibt es reichlich. (Bild: iStock)

Während ein Suchen im Außen bei Schwierigkeiten oft nur zu Vorwürfen führt, kann die Suche im Inneren Probleme lösen.

Oft passiert der Gefühlsausbruch so schnell, dass man gar nicht mitbekommt, dass man denkt. Vielleicht hilft es hier den Begriff „Einstellung“ oder „Unterbewusstsein“ zu benutzen, um der Sache auf die Spur zu kommen. 

Es gibt also die Wahl, wie man durchs Leben geht: schreiend und tretend oder als jemand, der freudig bereit ist zu lernen.

„Um jemand zu sein, der freudig lernt, muss man sich erinnern, dass die eigene Interpretation einer Situation im Außen ein großer Hinweis auf den eigenen geistigen Zustand ist.“ erklärt Brownstein.

Er ermahnt zum Beispiel darüber nachzudenken, wenn man sich beim Autofahren über den Fahrer vor sich ärgert, was der wahre Grund für den Ärger ist. Ist es eventuell, weil man ungeduldig ist? Oder man denkt, dass man selbst ein viel besserer Autofahrer ist und deshalb auf andere herabblickt?

„Wenn ich jemanden verantwortlich mache, bin ich es wohl, der schuld ist“, ist laut Brownstein der Grundsatz, den man sich in Erinnerung rufen sollte, wenn man Verantwortung übernehmen und im Inneren suchen will.

Epiktet, ein stoischer Philosoph, der als Sklave geboren wurde, schrieb:

„ Menschen werden nicht von Ereignissen und Tatsachen gestört, sondern davon, wie sie diese wahrnehmen. Wenn wir also gehindert, gestört oder verletzt sind, müssen wir dies uns selbst zuschreiben und nicht den anderen. Jemand, der keinen entwickelten Geist hat, wird immer andere für die eigenen schlechten Gedanken und Situationen verantwortlich machen.“

Epiktet
Ist doch schön, zu wissen, dass wir es selbst in der Hand haben, wie es uns geht. (Bild: iStock)

Und sehen wir es mal positiv. Würden tatsächlich äußere Umstände für unser Glück verantwortlich sein, wären wir diesen hilflos ausgeliefert. In Wirklichkeit haben wir es selbst in der Hand, unser Gefühlszustand hängt davon ab, wie wir über eine Situation oder einen Menschen denken und sie beurteilen.  

Dies scheint zwar schwer zu erreichen, aber wenn man bereit ist, genauer hinzuschauen, gibt einem das Leben immer wieder Möglichkeiten zu lernen. So wie im Falle von Brownstein in Form von einem nicht verschlossenen Deckel und entweichenden Dampf. 

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