Debatte zur Zeit – Teil 2: Abschaffung der Zeitumstellung – Und dann?

visiontimes.net, ds

Jeder Mitgliedsstaat soll selbst entscheiden, welche Zeitmessung er nach der Abschaffung der Zeitumstellung beibehält. (Bild: iStock)

Seit 1996 werden in der gesamten Europäischen Union jeweils im März und Oktober die Uhren eine Stunde nach vor oder zurück gestellt. In Deutschland und Österreich entschied man sich bereits 1980 für die Zeitumstellung, die Schweiz zog 1981 nach. Ein wesentlicher Grund für die Einführung der Sommerzeit war die Hoffnung – nach der Ölkrise 1973 – dadurch mehr Energie einsparen zu können. Die europaweite Vereinheitlichung sollte noch dazu den gemeinsamen Binnenmarkt vereinfachen und harmonisieren.  Jedoch hat sich schon seit langem herausgestellt, dass diese Maßnahme keine nennenswerten Energie-Einsparungen brachte. Der geringere Verbrauch am Abend glich sich mit dem vermehrten Bedarf am Morgen durch die längere Dunkelheit wieder aus.

Vielmehr klagen viele Menschen über unterschiedlichste Beschwerden an den Tagen nach der Zeitumstellung.

Probleme durch die Zeitumstellung

Experten sehen die Winterzeit, also die eigentliche Normalzeit, als am günstigsten für unseren Schlaf-Wachrhythmus, weil diese der natürlichen Sonnen- und Ortszeit am nächsten kommt. Je mehr unser Alltag mit den natürlichen Lichtverhältnissen übereinstimmt, umso besser ist es für unseren Biorhythmus. Die halbjährliche Umstellung – vor allem im März auf die Sommerzeit – bringt diesen Rhythmus für viele spürbar aus dem Takt.

Die Umstellung im Herbst kommt laut Chronobiologen Christian Cajochen im Interview mit der nzz.ch dem Schlaf-Wach-Rhythmus, welcher eigentlich etwas länger als 24 Stunden dauert, sogar entgegen und würde uns öfter gut tun, da man eine Stunde dazu gewinnt. Hier beobachtet man auch kaum Probleme.

Der Verlust einer Stunde bei der Umstellung auf Sommerzeit beeinträchtigt also deutlich mehr Menschen. Viele Körperfunktionen wie Blutdruck, Hormonhaushalt, Körpertemperatur und Herzfrequenz, unterliegen dieser inneren Uhr und schwanken somit im Laufe des Tages. Nach jeder Umstellung muss sich der Körper erneut anpassen und das geht nicht für jeden problemlos von statten. Je nach Sensibilität halten Beschwerden wie Schlafstörungen, allgemeines Unwohlsein und Magen-Darmprobleme mitunter einige Tage, bis eine Woche an. Durch den Anpassungsstress soll bei vorbelasteten Personen sogar das Risiko von Herzinfarkten und Schlaganfällen steigen. Tatsächlich zeigen Untersuchungen bis zu 25 % mehr Krankenhausaufnahmen in den ersten drei Tagen nach der Umstellung aufgrund von Kreislaufproblemen, Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Auch die Unfallgefahr erhöht sich.

Viele kleine „innere Uhren“ müssen sich nach jeder Zeitumstellung neu anpassen. (Bild: iStock)

Drei Viertel der Bevölkerung geben an, keine nennenswerten Probleme bei der Anpassung zu haben. Immerhin kennen viele solche Zeitanpassungen auch durch Urlaube in Ländern anderer Zeitzonen und das macht auch den wenigsten Probleme, soweit es sich nur um einen Zeitunterschied von ein bis zwei Stunden handelt.  

Aber nicht nur körperliche Beschwerden sind ein möglicher Grund, sich über die Abschaffung zu freuen. Eltern von kleinen Kindern werden aufatmen, wenn ihnen die Umgewöhnung des Schlafrhythmus ihrer Lieben nach jeder Zeitumstellung erspart bleibt.

Für Industriekonzerne, Krankenhäuser und Dienstleistungsbetriebe erfordert die halbjährliche Umstellung mühsame Anpassungen der Produktionsabläufe oder Arbeitsschichten. Das verursacht auch hohe administrative Kosten. Ein gewisses Risiko verbirgt sich ebenfalls bei EDV-Systemen, da viele automatische Funktionen mit der Uhrzeit synchronisiert sind. Auch Energieversorger und Betreiber öffentlicher Verkehrsmittel müssen Extraschichten einschieben.

In der Nutztierhaltung stellt das Verstellen der Uhr oft eine Herausforderung für die Bauern dar, weil die Tiere am besten immer regelmäßig gefüttert und vor allem Milchkühe zur selben Zeit gemolken werden sollen. Die behutsame Anpassung kann sogar bis zu zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Die Abschaffung der Zeitumstellung

Im Sommer 2018 nahmen 4,6 Millionen EU-Bürger an der EU-Onlineumfrage, bezüglich Abschaffung der Zeitumstellung teil. Kritiker betrachten die Umfrage nicht als repräsentativ genug. Die Teilnehmeranzahl ist eher als gering zu sehen. Bei einer Gesamtbevölkerung der EU von mehr als 500 Millionen Menschen sind das nur 0,89 %. Noch dazu waren etwa 3 Millionen der 4,6 Millionen Teilnehmer aus Deutschland, was 3,79 % der gesamten Landesbevölkerung ausmacht. Die Beteiligung an der Umfrage war auch in Österreich (2,94 %) und Luxemburg (1,78 %) erwähnenswert. Am wenigsten gaben Bürger aus Italien, Rumänien (je 0,04 %) und Großbritannien (0,02 %) eine Stimme ab.

Immerhin stimmten aber 80 % der Teilnehmer gegen die Zeitumstellung und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker verlautbarte bald darauf: „Die Menschen wollen das, wir machen das!“

Vor- und Nachteile permanenter Winter- oder Sommerzeit

Die Beendigung der Zeitumstellung und der Wegfall des dadurch regelmäßig verursachten Anpassungsstress – auch Mini-Jetlag genannt – wird mehrheitlich als positiv empfunden. Die Frage, welche Zeit nun bleiben soll, erhitzt dann aber doch wieder die Gemüter.

Sollte man sich im deutschsprachigen Raum für eine permanente Sommerzeit entscheiden, wäre es im Sommer weiterhin länger hell und morgens – vor allem an großen Hitzetagen – länger angenehm kühl. Viele Menschen genießen die langen hellen Abende. Jedoch ginge im Winter die Sonne erst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr auf, wodurch man deutlich schlechter wach werden würde. Die lange Dunkelheit fördere Antriebslosigkeit und Müdigkeit, da die Produktion des Schlafhormons Melatonin erst durch das Tageslicht gehemmt wird. Für unsere schulpflichtigen Jugendlichen ist es schon jetzt eine enorme Herausforderung, um 8.00 Uhr Früh top leistungsfähig zu sein. Durch die Umstellung auf andauernde Sommerzeit wäre es für sie im Winter wahrscheinlich noch sehr viel schwieriger, wenn es erst ab 9.00 Uhr hell werden würde.

Als in Russland zwischen 2011 und 2014 durchgehende Sommerzeit eingeführt wurde, stellten Forscher in Untersuchungen an 8000 Jugendlichen fest, dass ein Großteil der Probanden schlecht schlief, vermehrt müde war und manche sogar Symptome einer Winterdepression zeigten.  Auch der morgendliche Berufsverkehr würde bei längerer Dunkelheit großteils in die Morgendämmerung fallen. Zu dieser Zeit wandern aber auch viele Wildtiere und es könnte zu vermehrten Unfällen kommen.

Bei permanenter Sommerzeit müssten Baustellen wochenlang morgens aufwendig beleuchtet werden. (Bild: iStock)

Im Baugewerbe befürchte man ebenfalls eine erhöhte Unfallgefahr, wenn es morgens länger dunkel wäre. Man müsste Baustellen auch über lange Zeit aufwendig beleuchten, was wieder mit Mehrkosten verbunden wäre.

Der Sonnenuntergang wäre zwar auch eine Stunde später als bisher, also erst gegen 17.00 Uhr am kürzesten Tag, aber viele sind da noch in der Arbeit und hätten nicht sehr viel davon.

In südlicheren, wärmeren Ländern hat man wahrscheinlich auch weniger Freude mit einer dauerhaften Sommerzeit, weil man es dort eher positiv bewertet, wenn es früher dunkel und somit kühler wird.

Bei einer permanenten Winterzeit hätte man in der kalten Jahreszeit morgens eine Stunde mehr Helligkeit (Sonnenaufgang in Wien etwa um 7.45 Uhr), im Sommer aber bereits um 3.54 Uhr Tagesbeginn und schon gegen 20.00 Uhr Sonnenuntergang. Abweichungen je nach Örtlichkeit sind natürlich zu berücksichtigen.  

Manche sind der Meinung, dass der Winter sowieso trist ist und die Sonnenstunden ohnehin zu wenig sind. Daran würde die Winterzeit auch nicht viel ändern. Viel mehr würde man die langen lauen Sommerabende vermissen, die ohnehin rar sind.

Zeitlicher Flickenteppich in Europa möglich

Die Entscheidung, welche Zeitmessung nach der Abschaffung beibehalten wird, soll jedes einzelne Land nach Jean-Claude Juncker selbst treffen. Eine einheitliche EU-Zeitzone wird aber zum Wohle des gemeinsamen Binnenmarktes von vielen gewünscht.

Finnland, Dänemark und die Niederlande tendieren zur Beibehaltung der Winterzeit, Deutschland, Österreich, Portugal und Polen sprechen sich für die permanente Sommerzeit aus.

Es wird eine enorme Herausforderung sein, hier auf einen grünen Zweig zu kommen  und den gefürchteten Flickenteppich zu vermeiden. Vertreter der europäischen Kommission und Mitgliedstaaten sollen in einem  „Koordinierungsgremium“ eine möglichst einheitliche Regelung schaffen.

Vor- und Nachteile der permanenten Sommer- oder Winterzeit sind in jedem Land anders. Ein zeitlicher Flickenteppich könnte entstehen. (Bild: iStock)

Es gibt auch jetzt schon drei Zeitzonen in der EU und so mancher, wie beispielsweise CDU-Politiker Peter Liese, hätte auch kein Problem mit unterschiedlichen Zeiten in den verschiedenen Ländern. Auf welt.de sagt Liese: „Portugal hat eine andere Zeit als Spanien und Finnland hat eine andere Zeit als Schweden. Daher wäre es kein Problem, wenn sich einige Mitgliedstaaten für die ständige Winterzeit und andere für die ständige Sommerzeit aussprechen.“

Ab 2021 sollen die Uhren also nicht mehr verstellt werden. Länder, die die Normalzeit (Winterzeit) beibehalten wollen, würden somit im Oktober 2021 und Länder, welche die Sommerzeit wählen im März 2012 das letzte Mal an der Uhr drehen.

Das eigentliche Problem: der„soziale Jetlag“

Bei all den Diskussionen darf man nicht vergessen, dass der Großteil der Menschen unabhängig von Sommer oder Winterzeit sowieso meist am sogenannten „sozialen Jetlag“ leidet.  Darunter versteht man das Missverhältnis zwischen Biorhythmus und dem Arbeitsalltag. Die meisten stehen, vor allem im Winter, im Dunkeln auf und bleiben bei künstlichem Licht länger auf, als es ihre innere Uhr vorgeben würde. Morgens sind dann viele wieder unausgeschlafen und müde. Manche Schlafforscher reden sogar von einer chronisch übermüdeten Gesellschaft.  

„Sozialer Jetlag“ durch künstliches Licht und Arbeitsalltag (Bild: iStock)

Regelmäßige Schichtarbeit wirkt sich besonders schlecht auf die Gesundheit aus. Dem Körper ist es unmöglich, sich auf einen konstanten Rhythmus einzupendeln und ist ständig im Versuch sich anzupassen. Dies verursacht einen Zustand von Dauerstress. Diese Synchronisationsprobleme schlagen sich unter anderem auf das Gemüt und die Psyche und fördern Depressionen, sowie Burnout. Schichtarbeit erhöht sogar angeblich das Krebsrisiko

Experten empfehlen generell tagsüber viel Zeit im Freien zu verbringen, auch wenn es bewölkt ist. Viel Tageslicht unterstützt einen ausgewogenen Serotonin- und Melatoninhaushalt und somit einen ausgeglichenen Schlaf-Wach-Rhythmus.

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