Keine Angst vor Langeweile – Auswirkungen des Medienkonsums auf Kinder (Teil 1)

visiontimes.net, 26. Jänner 2019, ds

Putting limits on TV viewing helps ensure kids will not be influenced by negative habits shown on television shows. (Image via pixabay / CC0 1.0)
Viele Experten warnen vor zu viel und zu frühem Medienkonsum (Bild über pixabay / CC0 1.0)

Wer kennt das Gefühl nicht: sich abends nach getaner Arbeit gemütlich vor dem Fernseher nieder zu lassen und die Auszeit von der Wirklichkeit genießen, ist für viele Menschen ein entspannendes Alltagsritual geworden. Ebenso kann man gut verstehen, dass es für viele Eltern auch mal eine notwendige Auszeit schaffen kann, die Kinder vor dem Fernseher, oder mittlerweile auch Smartphone oder Tablet zu parken. Experten warnen jedoch vor den Nachteilen eines zu frühen und übermäßigen Medienkonsums im Kindesalter. Das Erlernen eines vernünftigen Medienumgangs der Kinder, verlangt von den Eltern oft einiges an Konsequenz ab. Das ist nicht immer leicht, jedoch weisen viele Studien und Beobachtungen darauf hin, wie wichtig es – auch im Hinblick auf die soziale Entwicklung und Gesundheit der Kinder – ist, diese Freizeitgestaltung unserer Kinder kritisch zu betrachten und bewusst einzuschränken.

Das Geschäft mit der Unterhaltung

Spezielle Kindersendungen sprießen massenhaft aus den unendlichen Quellen des Unterhaltungsuniversums. Seit es Smartphones und Tablets gibt, ist man nicht einmal mehr auf den Fernseher zu Hause beschränkt, sondern man kann seine Kinder auch unterwegs vor die Lieblingssendung oder das Lieblingsspiel setzen.

Immer mehr Kinder und sogar Kleinkinder werden im Kinderwagen oder Restaurant von den kleinen viereckigen Kästchen bei Laune gehalten.

Beliebt als schnelle und bequeme Beruhigung der Sprösslinge, glauben viele Eltern, auch einen positiven Nebeneffekt darin zu sehen, weil viele Sendungsmacher pädagogische Lerneffekte versprechen.

Digitale Medien haben immer mehr Einfluss auf das Familienleben. Auch die Eltern blicken vermehrt zwischendurch auf ihre technischen Hilfsmittel und Zeitvertreiber und viele Erwachsene bereits nahezu permanent. Dadurch kommt es laut einer Studie aus den USA zu 20 Prozent weniger direkter und 40 Prozent indirekter Kommunikation in der Familie. Darunter leidet übrigens nicht nur die Beziehung zwischen Eltern und Kindern, sondern auch die vieler Elternpaare.

Jederzeit und überall unterhalten – Langeweile wird gefürchtet und der versprochene pädagogische Nutzen ist verschwindend gering. (Bild: 194637533 (© Moving Moment – stock.adobe.com))

Mehr Schaden als pädagogischer Nutzen

Umso jünger Kinder sind, desto mehr lernen sie die Welt durch haptische Erfahrungen kennen. Babys müssen alles angreifen und in den Mund stecken, um die Umwelt zu entdecken und im wahrsten Sinne des Wortes zu „be-greifen“. Das ist die natürlichste und effektivste Art, neben dem direkten Kontakt zu „echten“ Menschen, um zu lernen und seine Umwelt verstehen zu lernen. Das Lesen der Emotionen aus dem Gesicht der anderen und das Orten der Stimmlage sind wichtige Lernfelder für die Entwicklung von Empathie. Babys brauchen sofortige einfühlsame Rückkoppelung vom Gegenüber. Durch freies Spielen entdeckt das Kind seine eigene Wirksamkeit und seinen eigenen Einfluss auf die Dinge.

Das alles kann ihm kein Medium, keine Fernsehsendung bieten. Ein Bildschirm reagiert nicht, hat kein Feingefühl. Der einseitige Monolog regt auch nicht zum Sprechen an. 

Gerade im Alter bis 3 Jahren, indem das Gehirn durch Impulse aus der Umwelt enorm schnell wächst und viele Synapsen bildet, dürfte Fernsehen direkt Einfluss auf die Entwicklung des Gehirns haben. Oft fallen Kinder, die schon sehr früh und häufig in Kontakt mit digitalen Medien kamen, erst später im schuleintrittsfähigen Alter besonders durch Aufmerksamkeitsstörungen auf, so eine Studie vom Children´s Hospital and Regional Medical Centre.

Die Huffingtonpost schreibt: „Die Stimulation eines sich entwickelten Gehirns durch die Überdosierung von Technologien (Handys, Internet, iPads, TV) kann mit folgenden Erscheinungen in Verbindung stehen: Aufmerksamkeitsdefizite, eingeschränkte ausführende Funktionen, kognitive Verzögerungen, verminderte Lernfähigkeit, wachsende Impulsivität und sinkende Fähigkeit der Selbstregulation (Small 2008, Pagini 2010).“ 

Damit im Gehirn neue Verbindungen entstehen, braucht es Aktivitäten, die mehrere Sinne gleichzeitig anregen und dadurch verschiedene Hirnbereiche stimulieren. Das passiert beim Medien-Passivkonsum nicht.

„Wenn ein Kind überhaupt keinen Bildschirmkonsum vor der Einschulung hatte, wird es eher besser in der Schule sein“, so die deutsche Medienpädagogin Paula Bleckmann auf science.orf.at.

Um das kindliche Gehirn in seiner Entwicklung optimal zu unterstützen, ist es unerlässlich, mit dem Kind viel zu sprechen, singen, ihm vorzulesen und damit direkt in Kommunikation zu bleiben. Von vielen Wiederholungen und sofortigem Reagieren und Eingehen auf kindliche Fragen, profitieren die Kleinen am meisten. Durch die Mimik, Gestik und Körpersprache seines Gegenübers, übt sich das Kind im Verstehen von Emotionen und der Wahrnehmung des anderen. Es erlebt seine Grenzen und lernt die des anderen kennen, sowie, eine liebevolle Begleitung – vorausgesetzt, Geduld zu haben und Ärger auszuhalten.

Ein Lob der Langeweile 

„Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance und Kreativität“ (Jesper Juul) (Bild: 94682560 (© Moving Moment – stock.adobe.com))

Für viele Eltern ist es eine Herausforderung, wenn das Kind über Langeweile klagt. Die schnelle Hilfe mit den Unterhaltungsmedien erscheint oft als unumgänglich. Doch genau dann ist empfohlen, dem Wunsch der Kinder nicht nachzugeben. Langeweile ist wichtig.

Auf derstandard.at bringt es der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul auf den Punkt: 

“Eltern und Kinder sind Konsumenten geworden. Das führt dazu, dass vielen Kindern langweilig wird, sobald die externe Stimulation fehlt. Es ist ihnen fad ohne Computerspiele, DVDs und Fernsehen. Die meisten Kinder erleben eine unangenehme innere Unruhe, wenn sie sich langweilen. Der Grund: Sie versuchen, eine Balance zu finden zwischen dem Konsumieren von externen Reizen und ihrer eigenen inneren Kreativität.

Langeweile ist der Schlüssel zur inneren Balance – egal in welchem Alter. Diejenigen, die die Unruhe vorbeiziehen lassen, kommen in Kontakt mit ihrer Kreativität. Unsere Kreativität ist der Raum, in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen… Für Kinder ist es wichtig, ihrer inneren Kreativität zu folgen. Es macht sie unabhängig von äußerer Anerkennung und Zustimmung. Kreativität ist zentral, um Selbstwert zu entwickeln. Kinder, die sich gelegentlich langweilen, werden eine größere innere Ruhe spüren, die ihre soziale Kompetenz fördert.“ 

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