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Selbstporträts versus Selfies

Was ist der Unterschied zwischen einem Selbstporträt und einem Selfie? In beiden Fällen stellt jemand sich selbst dar. Die Künstlerin und Journalistin Masha Savitz ist aber der Meinung, dass die Bedeutung dahinter und die daraus resultierenden Effekte nicht unterschiedlicher sein können. 

Rembrandt, 1628 Selbstporträt als junger Mann

Was ist der Unterschied zwischen einem Selbstporträt und einem Selfie? Die Antwort auf diese Frage liegt in der genaueren Betrachtung. Einige der berühmtesten Selbstporträts wurden von dem niederländischen Künstler Rembrandt gemalt – beispielsweise „Selbstporträt mit entstellten Haaren“, „Selbstporträt als junger Mann“. Eines der bekanntesten ist im Rijksmuseum in Holland zu sehen und stammt aus dem Jahr 1628. 

Es ist eines der frühesten Selbstporträts von Rembrandt, der vielleicht der produktivste bekannte Selbstporträt-Künstler ist und zu Lebzeiten etwa 90 Gemälde dieser Art malte. Warum lieben wir diese Bilder so sehr? Reflektiert der Gesichtsausdruck nicht direkt die Seele? 

„Das Leben reflektiert sich direkt auf unseren Gesichtern, wenn wir älter werden erkennt man in ihm unsere Gewaltbereitschaft, unsere Maßlosigkeit oder unser Taktgefühl“, bemerkte Rembrandt. 

Vielleicht sind diese Gemälde eine visuelle Zeitschrift, eine sentimentale Aufzeichnung der Zeit. Oder vielleicht eine Dokumentation, die das Altern erforscht, indem es die Emotionen und die Reife untersucht. 

Ein weiteres unvergessliches Selbstporträt ist das dramatische Gemälde „`Le Desespere“ (1845), welches den Künstler Gustave Courbet geschockt, mit weit aufgerissenen Augen oder in großer Verzweiflung zeigt. Die Historiker sind sich noch nicht im Klaren darüber, ob es eine echte Emotion zeigt oder sein Gesichtsausdruck nur eingeübt wurde. Durch die kontrastreiche Malerei scheint die Figur von der Leinwand zu springen. 

Weitere Beispiele für berühmte Selbstporträts, wie etwa das „Porträt von einem Mann in roter Kreide“ von Leonardo da Vinci, oder die Werke von Frida Kahlo – sind Teile einer großen Vielfalt in diesem Bereich. 

Rembrandt, Detail eines Selbstbildnisses im Alter von 63 Jahren 

Nach dem Erscheinen der Fotokamera, etwa in den frühen 1800er Jahren, hielten viele Künstler ihre Talente und Fähigkeiten für überflüssig. Diese Gedanken galten als eine Rechtfertigung für die „moderne Kunst“. Man fand, dass die Kamera ein Bild viel schneller und genauer reproduzieren könne als der Mensch. So begann die Abwertung des wahren Künstlers und seiner Vision des Sehens und der Reflexion im Allgemeinen. Das Ergebnis war eine Aufgabe der Fähigkeiten und der Kunst des Sehens und des kreativen Schaffens aus dem Leben heraus. Solche Fähigkeiten wurden als veraltet angesehen. Mittlerweile kann sich jedermann mit einer Kamera mittels der Betätigung eines Knopfdruckes sofort abbilden, die Bilder dann teilen, übertragen, speichern und nicht zuletzt eine Lawine neuer Selbstporträts, nämlich sogenannte „Selfies“ kreieren. 

Gustave Courbet, `Le Desespere, 1845 Selbstportät 

Aber können wir wirklich nur der Bequemlichkeit wegen, durch den Komfort von sofortigen „Selbstporträts“ mit Smartphones und Digitalkameras, das Selbstporträt des Künstlers ersetzen? 

Das Verb „zu sehen“ kommt aus dem altenglischen „Seon“– und heißt wörtlich „sehen, erblicken, beobachten, wahrnehmen, verstehen, erleben“. Das Wort wurde im Mittelenglischen verwendet und bedeutet „in der Fantasie oder im Traum zu verweilen“. Traditionell ist der „Seher“ einer, dem göttliche Offenbarungen zuteilwird. Die Entstehung des Wortes „sehen“ impliziert eine tiefere Bedeutung, im Gegensatz dazu, was wir heute mit dem geradezu mechanischen „sehen“ assoziieren. 

Aber Künstler arbeiten nicht mechanisch, die Kunst ist keine Erweiterung der Technologie, oder die Durchführung bloßer Funktionen der Mechanik. Unser Anliegen ist es, „Einsicht“ zu bieten und nicht nur die Wiedergabe einer Darstellung zu erzielen. Wir haben sicherlich die Fähigkeit das Geschehene zu reflektieren. Ein Künstler durchdringt ein Bild mit seinen eigenen Empfindungen und lässt Funken und Ausdrucksformen seines „Verständnisses“ auf das Subjekt projizieren, und steht so im Gegensatz der bloßen Darstellung des physischen Aspektes, wie  es die Fotographie macht. 

In einer früheren Veröffentlichung habe ich genau diese Suche beleuchtet: „Meine Arbeiten füllen die Studiowand. Es gibt Bleistiftskizzen, Tuschezeichnungen, einige von ihnen sind auf ausrangierten Enzyklopädie Seiten gemacht… Hypnotisiert starre ich auf eine Flut von Selbstporträts, die mir in unterschiedlichem Ausmaße ähneln. Gedanken wandern. Die Gesichter an der Wand starren mich an. Eine Frau blickt hinter eine Staffelei, eine andere Frau steht in selbstbewusster Pose, andere nehmen bescheidene Hockerpositionen ein. Bei vielen Gelegenheiten habe ich meine Kleidung entfernt und stand nackt, in der Hoffnung etwas zu entdecken, vielleicht die Wahrheit, meine Essenz, Zeuge und Aufnahme wie ein Topograph… Ich warte wie ein wahrer Jünger, im Glauben, dass mir eine kryptische Botschaft wie ein biblischer Vers offenbart werden würde, jedoch die Bedeutung meiner Existenz, den Zweck meines Daseins habe ich noch nicht gesehen. Wenn ich meine Gedanken ruhig lasse, ist es als würde ich in einen ruhigen See blicken, bereit abzutauchen und mit der Reflexion zu verschmelzen, wie ein Säugling, der sich zum ersten Mal im Spiegel erlebt. Ich bin verführt, fasziniert, aber letztlich doch enttäuscht von der undurchdringlichen, unnachgiebigen Oberfläche – der Leinwand, selbst. Wie tief kann ich mich fallen lassen, um eine Offenbarung zu bekommen? Ich bin Modell, Opfer, Maler, Voyeur, bin getrieben meine eigene subjektive Existenz mit „objektiv“ berechnender Beobachtung auszudrücken. Die Vervollkommnung des Bildes ist eine Verfeinerung des Selbst.“ 

Der verehrte russische Filmemacher Andre Tarkowski sagte: „Vielleicht liegt der Sinn aller menschlichen Tätigkeit im künstlerischen Bewusstsein, im selbstlosen schöpferischen Akt? Vielleicht ist unsere Fähigkeit zu schaffen ein Beweis dafür, dass wir selbst nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen wurden? Ist nicht der Schöpfungsakt das Werk Gottes?“ 

Sich selbst oder andere zu malen oder zu formen, bietet eine wertvolle Gelegenheit, dieses rätselhafte göttliche Wesen auszudrücken oder zu vermitteln. 

Kamille Corry, Lehrerin an der New Master Academy, vermittelt diese Annahme zu ihren unzähligen Selbstporträts, die sie im Laufe der Jahre gemalt hatte: 

Das ‚Warum’ hat viele verschiedene Antworten. Meist deshalbweil ich ein Modell brauche, manchmal gibt es auch andere Gründe, es ist für mich praktisch mich selbst als Model für bestimmte Momente zu nehmen. Gewöhnlich entwickelt sich der Prozess von der Notwendigkeit zu einem Prozess der Selbstbeobachtung und des Erzählens.“ 

Kamille Corry, Tear in the Wind, Selbstporträt 

Die Erfahrung, mich selbst zu malen, hat sich in den letzten 25 Jahren definitiv verändert, von einfachen Übungen zur Entwicklung meiner Technik bis hin zur Verwendung meiner selbst als Figur in narrativen oder umfassenderen symbolischen Themen. 

Ich fühle mich am Anfang des Vorganges meist nicht wohl, wenn ich mich selbst im Spiegel betrachte. Aber dieses Gefühl löst sich schnell auf, wenn ich mich im Prozess des Malens befinde. Ich arbeite nicht mit Photographien. Meistens begreife ich die Bedeutung des Werkes oder die esoterischen Elemente, die in das Werk eingewoben sind, erst, wenn das Werk fertig ist. 

Ich ermutige jeden Künstler und speziell Anfänger, viele Selbstporträts, aus ihrem Leben zu machen. 

Viele Leute sind der Meinung, dass die Kunst einen Moment in der Zeit festhält, aber wenn sie vom Leben ausgeht, fängt sie Tausende von Momenten in der Zeit ein und hat daher die Fähigkeit, eine ganzheitlichere Darstellung der Person zu geben. Ich denke, Selbstporträts sind ein einzigartiges Beispiel für ein zweischneidiges Unterfangen. Es ist ziemlich schwierig, sich selbst objektiv zu betrachten, denn es existiert gleichzeitig auch das Unterbewusstseins, welches zum Vorschein kommt und die Ansichten unserer wahren Natur offenbart.“ 

Kamille Corys Einblick in ihren Arbeitsprozess ist die Reflexion über ein persönliches Thema, welches sich im Laufe der Zeit verändert. Um ein Selfie zu machen erfordert es keine Reflexion, daher gibt es keine echte „Rückspiegelung“. Letztendlich können wir sagen, dass das Selfie eine leere Aktivität ist, mit wenig oder gar keiner Bereicherung für jenen, der es aufnimmt oder den Betrachter. Für eine schnelle Momentaufnahme ist das Selfie den anderen künstlerischen Methoden jedoch überlegen. Leider wird in einer Kultur, die nach sofortiger Befriedigung verlangt und die das Äußere dem Inneren vorzieht, oft das Hohle dem Geheiligten vorgezogen.

Das soll aber nicht heißen, dass traditionelle Künstler moralisch hochstehend sind, das wäre weit von der Wahrheit entfernt. Denn wenn gewisse Einsichten erlangt wurden, muss man sich wahrlich verbessern. Mit dem Wunsch die eigene Malerei oder die Skulptur schöner zu gestalten, sollte man die Absicht haben seinen Charakter zu verbessern. 

Also wie sollte man über sich selbst nachdenken? 

In der Selbstreflexion erkennt man seine Gedanken und Gefühle, man versucht zu verstehen warum man so fühlt, reagiert oder sich auf diese oder jene Weise ausdrückt. Das Verständnis und die Kontrolle über diese Gedanken und Gefühle ermöglicht es, seine Gedanken und sein Verhalten zu ändern. 

Der renommierte amerikanische Philosoph, Psychologe und Gelehrte John Dewey sagte:

„Wir lernen nicht aus der Erfahrung. Wir lernen aus dem Nachdenken über die Erfahrungen.“ 

John Dewey

Der Kunsthistoriker, Jos Hanou erklärt Rembrandts Selbstporträt und seinem Lachen zu Zeuxis: „Aber warum lacht er, wenn er den Betrachter direkt ansieht?“ 

Rembrandt lacht bei Zeuxis 

Eine alte Frau im Schatten links auf dem Gemälde gibt die AntwortDas Gemälde bezieht sich auf eine Legende des antiken Malers Zeuxis, der sich zu Tode lachte, nachdem eine alte Hexe bei ihm ein Porträt von ihr in Auftrag gab, sich aber als Aphrodite, der Göttin der Liebe, dargestellt haben wollte. 

Zweifellos gefiel Rembrandt dieser Auftrag in einer Zeit seiner Karriere, als die Käufer ihn wegen eines neuen idealisierenden klassizistischen Stiles verließen. Indem er sich selbst als  Zeuxis darstellt, der sich auch oft vom Publikum missverstanden fühlte, musste Rembrandt lachen. Damit verspottet er eine Welt, die vorgibt, besser zu sein, als sie ist. 

Rembrandts Lachen in diesem provokanten Gemälde bezieht sich auf den Betrachter: Sein ironischer Blick fordert die alte Frau in uns heraus, die dazu neigt, sich auch ein Instagram Profil voller Selfies  machen zu wollen.  

Der Originaltitel erschien in Englisch auf Canvas.nma.art.

Über die Autorin: Masha Savitz ist Journalistin, Autorin von Fish Eyes for Pearls, Malerin und Filmemacherin, die den bahnbrechenden Dokumentarfilm Red Reign geschrieben und Regie geführt hat.

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