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Weisheiten aus der Antike: Trotz mieser Umstände gelassen bleiben

Eine Säulenhalle (Stoa) wie diese war der Geburtsort des Stoizismus. (Bild: 164090022, Moving Moment – stock.adobe.com)

Anhaltendes Glück durch Seelenruhe – das war das Ziel der Stoiker im antiken Abendland. Wo wir heute gerne unseren Gefühlen und Bedürfnissen freien Raum geben und sie als unser authentisches Ich betrachten, identifizierten die alten Stoiker den Menschen durch sein Denken und seiner Fähigkeit die Emotionen und Triebe zu beherrschen. In der Emotionalität sah man stattdessen etwas Passives, das mit uns passiert, uns leiden lässt. Durch Vernunft und Selbstbeobachtung übte man sich in der Gelassenheit gegenüber äußeren Faktoren. Diese praktische Lebensphilosophie hatte schon damals großen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben und hat längst nicht an ihrer Aktualität verloren.  

Athen im Jahre 300 vor Christus: Dem Tod von Alexander dem Großen, Schüler von Aristoteles, folgte eine neue Gesellschaftsordnung. Das vereinte Reich wurde aufgeteilt und es entstanden die Diadochenreicheunter der Herrschaft fremder Führer. Der Zusammenbruch des bis dahin herrschenden Gesellschaftssystems verursachte Chaos. 

Das war die Geburtsstunde der Stoa, deren Ära ein halbes Jahrtausend andauerte. Der Name dieser einflussreichsten Philosophie des Abendlandes leitet sich von der bunten Säulenhalle (stoa poikile) auf der Agora in Athen ab, in der Zenon von Kition, der Begründer der Stoa, zu lehren begann. Die Geschichte der Stoiker zeichnete keine starre Linie, sondern zeigte Flexibilität innerhalb der individuellen Selbstoptimierung. Aus diesem Grund unterscheidet man klassischerweise drei Perioden: Antike Stoiker (300 – 129 v. Chr.): Zenon von Kition, Kleanthes und Chrysippos, die Mittleren Stoiker (180 – 51 v. Chr.): Panaetios und Poseidonios sowie die Jüngeren Stoiker (1 – 180 n. Chr.): Seneca, Epiktet und Marc Aurel.

Die stoische Grundhaltung kann in drei Elemente unterteilt werden: in Logik, Physik (Naturphilosophie) und Ethik. Wobei die Ethik des Denkens die oberste Priorität hat; Logik und Physik dienen vorrangig der Kunst des Schlussfolgerns, um falsche Annahmen über die Natur und der Welt zu verhindern. 

Politische Missstände trieben die Popularität an

Das Zeitalter der antiken Philosophen war ein reges. Neue Lebensschulen kamen und gingen. In der großen Verdrossenheit gegenüber der Herrscher erschien die philosophische Strömung der Stoiker wie ein Wink des Himmels. 150 Jahre vergingen zwischen der Gründung in Athen und dem Einzug ins allgemeine Bildungs- und Wertesystem. Und wieder waren es die ungeschickten politischen Umstände, die zur Popularität der Lebensschule führten.

Denkmal von Marc Aurel in Tulln. Der römische Kaiser Marc Aurel hinterließ mit seinen „Selbstbetrachtungen“ die letzten bedeutungsvollen Schriften zur stoischen Philosophie. (Bild: iStock)

Die stoische Lehre beeinflusste auch mehr und mehr das expandierende Römische Reich. Da in Rom die zentrale Autorität des Herrschers dem Motto folgte, jeder sei nur ein Gleicher unter Gleichen, fühlte sich die Elite der Gesellschaft ihrer politischen Gestaltungsmöglichkeiten beraubt.

Die Oberschicht sah sich durch den Machtverlust zu handeln gezwungen und wählte den Weg der Stoiker. Die anfängliche Trostsuche in der Philosophie hatte zur Folge, dass die Macht der Politik auf der Kippe stand. Schließlich brachte die stoische Weltanschauung den  Menschen neue Prüfinstrumente für Lebensweisen, Sitten und Wertvorstellungen, welche mit dem herrschenden politischen System nicht im Einklang waren.

Die beste Art, sich zu rächen: „Nicht Gleiches mit Gleichem vergelten.“ (Marc Aurel)

Selbstoptimierung brachte die Politik ins Schwanken

Menschen mit Tugenden wie Disziplin, Pragmatismus, Standhaftigkeit und Flexibilität, sowie diejenigen, welche voller Gelassenheit lebten, verschmähten es, dem römischen Senat zu huldigen. Während sich zu Zeiten Ciceros junge Männer um die Mitarbeit im Staat drängten, waren es unter Augustus Herrschaft beinahe Zwangsbesetzungen.

Dies kam nicht von ungefähr: Die Philosophie der Stoa sah ihre Hauptaufgabe darin, Menschen zu lehren, wie sie dauerhaft glücklich werden können, indem das Seelenwohl zum Fokus wird. Daher konnte von außen keine Manipulation mehr stattfinden und die bis dahin übliche Art Politik zu betreiben fand keine Anhängerschaft.

Durch Vernunft und Selbstbeobachtung resistent gegen äußere Einflüsse, um das dauerhafte Glück zu finden. (Bild: iStock)

Der Grundstein dafür war, dass Ruhm, Reichtum, Macht und der Wunsch nach ewiger Gesundheit durch Gelassenheit ersetzt wurde. Das Zepter der Machthaber hatte keine Wirkung mehr, denn selbst der Tod wurde als ein gleichgültiger Bestandteil des Lebens angesehen. Der große Denker Epiktet teilte seine Erkenntnis so mit:

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern nur die Vorstellung von den Dingen. So ist zum Beispiel der Tod nichts Furchtbares, sondern die Vorstellung, er sei etwas Furchtbares ist das Furchtbare. Wenn wir also bedrängt, unruhig oder betrübt sind, wollen wir die Ursache nicht in etwas anderem, suchen sondern in uns und unseren Vorstellungen.“

Die Quelle der Ruhe liegt in einem Selbst

Durch Standhaftigkeit und Disziplin wurde die innere Glückseligkeit zu einem dauerhaften und zuverlässigen Wegbegleiter der Stoiker. Marc Aurel war der erste stoisch gesinnte Kaiser in Rom. Dieser drückte seine Erkenntnis folgendermaßen aus:

„Die Aufgabe des Lebens besteht nicht darin, auf der Seite einer Mehrzahl zu stehen, sondern dem inneren Gesetz gemäß zu leben. Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast. Was du bekommst, nimm ohne Stolz an, was du verlierst, gib ohne Trauer auf.“

Die Pestepidemie in der Amtszeit (161-180) von Marc Aurel plagte das Volk. Die Bevölkerung wandte sich schuldsuchend den Christen zu. Der stoische Kaiser erkannte die Situation und wirkte der Christenverfolgung mit verschiedenen Erlassen und Appellen entgegen. Rat suchend wandte sich Marc Aurel an die stoische Philosophie. Damals überraschte der Kaiser sein Volk mit seinem Bekenntnis zur kosmopolitischen Weltsicht:

„Meine Natur aber ist eine vernünftige und für das Gemeinwohl bestimmte; meine Stadt und mein Vaterland aber ist, sofern ich Antonin heiße, Rom; sofern ich Mensch bin, die Welt.“

Seine individuellen inneren Gesetze finden

Um seinen inneren Gesetzmäßigkeiten zu folgen, empfahlen die Stoiker, sich ganz der Seelenruhe und Gelassenheit hinzugeben. Wie soll das erreicht werden? In der stoischen Philosophie geht man davon aus, dass der Mensch keinen Einfluss darauf hat, was gerade passiert, jedoch beeinflussen kann, wie die Dinge passieren. Die innere Einstellung vermag allerdings das Geschehene in einem anderen Licht zu sehen.

„Unser Leben ist das, wozu unser Denken es macht.“ (Marc Aurel)

Gerade in stürmischen Zeiten werden große Persönlichkeiten hervorgebracht. Meist sind dies die Phasen, in denen Schriften von Marc Aurel, Seneca und Epiktet lesenswert sind.

Ethik, Logik und Physik reifen gemeinsam mit dem Glauben an die göttliche Vernunft in einem Stoiker heran. Sie führen zu tiefgreifender Gelassenheit. Ein Grundgedanke ist, Denken und Handeln nicht auseinander zu dividieren, sondern als ein Ganzes wahrzunehmen. Es wird davon ausgegangen, dass die Gesetzmäßigkeiten im Materiellen ebenso gültig sind wie im Geistigen. Daher wird auch Wert daraufgelegt, sein Denken und ebenso seine Triebe zu kontrollieren.

Die stoische Gelassenheit ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. (Bild: iStock)

„Unglücklich ist die Seele, die des Zukünftigen wegen ängstlich ist, und elend ist schon vor dem Elend, wer in Sorgen schwebt, ob das, woran er sich erfreut, ihm auch bis ans Ende verbleiben werde.“ (Seneca)

Die Stoa ist all die Jahre nicht in Vergessenheit geraten. Gerade im heutigen Zeitalter der Schnelllebigkeit kann diese uralte Lebensphilosophie zu einem Anker der Vernunft und Gelassenheit werden, welche auf keinen Fall mit Gefühllosigkeit und Kälte gleichzusetzen ist. Marc Aurel betont in seinen Schriften die Wichtigkeit des Sanftmutes, der Menschenliebe und der Pflicht, sich um andere zu kümmern. 

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