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Wilde Schwäne: Chinas Kulturrevolution durch die Augen einer Tochter

Last updated on 9. April 2021

Familienfoto 1939 (Bild: Jung Chang)

Die Autorin Jung Chang veröffentlichte im Frühling 2020 ein Buch über die Geschichte der drei einflussreichen Soong-Schwestern, die in den 1930er-Jahren mit den wichtigsten Personen der chinesischen Politik verheiratet waren. Zuvor wurde Jungs Geschichte über die Kaiserinwitwe Cixi sowie eine Biographie über Mao Zedong bereits ins Deutsche übersetzt. Doch weltweite Aufmerksamkeit erlangte die Autorin mit ihrem schon 1991 veröffentlichten autobiographischen Buch „Wilde Schwäne – Die Frauen meiner Familie“. Diese immer noch empfehlenswerte Lebensgeschichte der drei Frauen aus drei Generationen erlaubt anschauliche und bewegende Einblicke in das Innerste der chinesischen Gesellschaft – vor, während und nach der Kulturrevolution.

In den 1960er-Jahren rief der Vorsitzende Mao Zedong von der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) eine Bewegung ins Leben, um Kapitalismus und Traditionalismus aus der Gesellschaft zu entwurzeln und durch den „Mao Zedong Thought“ oder Maoismus zu ersetzen. Sie wurde „Kulturrevolution“ genannt und war in Wirklichkeit ein Schachzug Maos, um Rivalen aus der Partei auszuschalten. Die Bewegung tötete über eine Million Menschen und dennoch positioniert die KPCh sie weiterhin als etwas Gutes in der Geschichte Chinas. Jung Chang, die während der turbulenten Zeit geboren wurde, erlebte die Schrecken der Kulturrevolution aus erster Hand mit und schrieb später ein Buch, das zu einem weltweiten Bestseller wurde – „Wilde Schwäne: Die Frauen meiner Familie“.

Großmutter und Mutter

„Wilde Schwäne“ wurde 1991 veröffentlicht und schnell zum Bestseller mit bisher mehr als 13 Millionen verkauften Exemplaren in 37 Sprachen. Es überrascht nicht, dass die KPCh das Buch in China verboten hat. Das Buch handelt vom Leben dreier chinesischer Frauen aus drei Generationen – der Autorin selbst, ihrer Mutter und ihrer Großmutter. 

Autorin Jung Chang (Bild:Guy Aitchison from London, UK, Jung Chang, 2010 (cropped)CC BY 2.0)

Die Geschichte beginnt mit dem Leben Changs Großmutter Yu-Fang. Als diese noch jung war, wurde sie von ihrem Vater an einen Kuomintang-General als dessen Konkubine verkauft. Nach ihrer Heirat überließ der General sie jahrelang der Obhut der Bediensteten.

Sechs Jahre später kam der General zu einem ehelichen Besuch nach Hause, in dessen Folge Changs Mutter geboren wurde. Später, als der General krank wurde, wurde sie in sein Hauptquartier gerufen. Da Yu-Fang wusste, dass er bald sterben würde und dass seine Frau dann die Verantwortung für alle Angelegenheiten übernehmen würde, fürchtete sie um ihre Sicherheit und die ihres Kindes. Sie floh mit dem Kind, heiratete einen Arzt und lebte den Rest ihres Lebens frei.  

Als nächstes folgt die Geschichte von Changs Mutter, Bao Qin. Im Alter von 15 Jahren begann Bao Qin in der KPCh zu arbeiten. Ihre Talente sorgten dafür, dass sie schnell durch die Ränge aufstieg. Schließlich heiratete sie einen hochrangigen Offizier in der Partei. Das Paar wurde nach Yibin geschickt. Auf dieser langen Reise wurde Changs Mutter aufgrund ihres niedrigeren Ranges zum Gehen gezwungen. Im Gegensatz dazu reiste ihr Vater in einem Jeep. Auch Bao unterzog sich nach der Reise einer zermürbenden militärischen Ausbildung. Während dieser ganzen Zeit war Bao schwanger, aufgrund des Reise- und Trainingsstresses erlitt sie jedoch eine Fehlgeburt. Später brachte Bao fünf Kinder zur Welt, darunter auch Chang.

Changs Geschichte

Der letzte Bogen des Buches umfasst die Geschichte von Chang selbst. Als Teenager schloss sie sich bereitwillig der Studententruppe des Staates, den Roten Garden an. Changs Erläuterungen geben bewegende Einblicke darüber, wie Jugendliche damals dazu verführt wurden, Mao zu verherrlichen, ihm blind zu vertrauen und so zu schrecklichen Dingen in seinem Namen bereit waren. Chang selbst durchleidete die Umerziehung auf dem Land, die krankmachende Arbeit auf den Reisfeldern und erlebte, wie Rotgardisten Lehrer demütigten, folterten und sogar töteten. Lange war Chang von den maoistischen Überzeugungen indoktriniert und zweifelte lieber an sich selbst und ihrer Loyalität zu Mao, bevor sie Zweifel an diesem selbst aufkommen ließ. Als Mao Kultstatus erlangte, erkannte Chang aber, dass seine Handlungen immer gefährlicher wurden. Ihr Vater, erst treuer Anhänger Maos, zeigte sich zunehmend kritisch und stand mutig auch öffentlich zu seinen Bedenken. Bald wurde er als Verräter abgestempelt und dementsprechend behandelt. 

„Meine Eltern waren Opfer der Kulturrevolution. Mein Vater war einer der wenigen, die sich gegen die Gewalt aussprachen. Infolgedessen wurde er verhaftet, gefoltert… er wurde in ein Lager verbannt und starb vorzeitig und sehr tragisch. Meine Mutter wurde unter enormen Druck gesetzt, meinen Vater zu denunzieren. Sie weigerte sich. So war sie selbst mehr als hundert dieser schrecklichen Denunziationstreffen ausgesetzt. Dabei standen die Opfer auf einem Podest einer hysterischen Menge gegenüber und die Arme meiner Mutter waren, wie bei anderen Opfern auch, in den Rücken gedreht“, sagte sie der BBC.

Als die Kulturrevolution zu Ende ging, erhielt Chang einen Platz an der Universität. Nach Maos Tod, fühlte sie sich glücklich und mit einem Stipendium flog sie nach ihrem Studium nach England, wo sie noch immer wohnt. Dort studierte Chang an der York Universität in London und war 1982 die erste Chinesin, die einen Doktortitel einer britischen Universität erhielt.

Mao: Die unbekannte Geschichte

Der große Erfolg von „Wilde Schwäne“ gab Chang und ihrem Ehemann, Historiker Jon Halliday, eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Dies erlaubte ihnen mehr als zehn Jahre in die intensive Recherche für ihr gemeinsames Buch über Mao Zedong zu investieren. Darin wollten sie den wahren Charakter des Mannes aufdecken, der für so viel Leid verantwortlich war. „Er war genauso böse wie Hitler oder Stalin und hat der Menschheit genauso viel Schaden zugefügt wie sie. Siebzig Millionen Tote – absolutes Minimum – und das in Friedenszeiten, was in der Weltgeschichte völlig beispiellos ist. Und doch weiß die Welt erstaunlich wenig über ihn“, sagte Chang dem Guardian.

Jung Chang mit ihrem Ehemann Jon Halliday (Bild: Jung Chang)

Sie und ihr Mann durchforsteten Archive auf der ganzen Welt und führten Hunderte von Interviews, darunter auch mit dem Dalai Lama und Henry Kissinger. Diese Biographie, betont Chang, sei anders als alle anderen über den Führer. „All die historischen Ereignisse wie der Lange Marsch, der Krieg mit Japan, wie Mao an die Macht kam, der Große Sprung, die Kulturrevolution – unsere Geschichte ist eine ganz andere. Niemand hat Mao so erklärt wie wir“.

Die deutsche Fernsehjournalistin und ehemalige ZDF-Chinakorrespondentin, Gisela Mahlmann, sieht mit „Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes“ „das mystische Bild Maos als weiser Soldat und Repräsentant des besseren Kommunismus als zerschmettert“. Ihrer Meinung nach, sei die Geschichte von Maos Terrorregime noch nie umfassender und breiter dargestellt worden. 

Kaiserinwitwe Cixi und Soong-Schwestern

Der bedeutendsten Frau in der chinesischen Geschichte schenkt Jung Chang in dem Buch „Kaiserinwitwe Cixi: Die Konkubine, die Chinas Weg in die Moderne ebnete“ ihre Aufmerksamkeit. Ursprünglich als Konkubine für den chinesischen Kaiser ausgewählt, übernimmt sie 1861 nach dessen Tod selbst die Regierungsgeschäfte. Cixi wird oft als hart und herrschsüchitg beschrieben. In Changs Biographie wird Cixi aber auch als Frau, die die Modernisierung in China und die Öffnung zum Westen vorantrieb, beleuchtet. 

Im Frühjahr erschien Changs Buch „Die drei Schwestern: Das Leben der Geschwister Soong und Chinas Weg ins 21. Jahrhundert“über die Soong-Schwestern, die in den 1930ern die chinesische Politik maßgeblich beeinflusst haben. Die drei Schwestern, Soong Ailing, Soong Qingling und Soong Meiling, prägten die Zeit vor Maos Machtübernahme sehr. Jede von ihnen war mit einem der bedeutendsten Männer (H.H. Kung, Sun Yat-Sen und Chiang Kai-Shek) verheiratet und hatte dadurch direkt und indirekt massiven Einfluss auf das China im 20. Jahrhundert. 

Chang lässt in diesem Buch verschiedene Personen und Ereignisse anders erscheinen, als sie herkömmlich historisch beleuchtet werden. So kommt Sun Yat-Sen, der erste Präsident der Republik China, nicht so gut davon, wie er üblicherweise dargestellt wird. Auch für die drei Schwestern hegt die Autorin unterschiedliche Sympathien. Am positivsten wird die jüngste der Dreien, Meiling, dargestellt. Die spätere First Lady von Taiwan soll positiven Einfluss auf ihren Mann, Chiang Kai-Shek, gehabt haben. 

Alles in allem dürfen die Bücher von Jung Chang in keiner Bibliothek fehlen, wenn man China-Fan ist oder dies noch werden möchte. 

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