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200 Künstler unterstützen die Freiheitsbewegung in Hongkong

Die Filmreihe Kill Bill von Quentin Tarantino inspirierte dieses humorvolle Poster, das Uma Thurman durch Carrie Lam ersetzt.

In der Geschichte gibt es viele Beispiele wie Kunst Menschen Hoffnung und Zusammenhalt gegenüber Unrecht und Gewalt vermitteln kann. Von Beethovens „Neunter Symphonie“ bis zu den heutigen Comic-Zeichnern bietet Kunst unzählige Möglichkeiten zum friedlichen Ausdruck von Widerstand. Auch die aktuellen Proteste in Hongkong finden zahlreiche Unterstützung von Künstlern im In- und Ausland. Auch wenn heute, am 30.6, Joshua Wong und andere AnführerInnen der Hongkonger Demokratiebewegung, aufgrund des von dem chinesischen Regimes erlassenen „Sicherheitsgesetzes“, ihren Rücktritt bekannt gaben, hält die Macht der Bilder vielleicht weiter an und sie bleiben Symbol für Hoffnung und Mut für die zukünftig für Freiheit protestierenden Nachfolger. 

„Wir können sie nur mit unserer schieren Anzahl und Kreativität übertreffen“, sagt ein Demonstrant aus Hongkong, der nur als „Y“ bekannt ist, um seine Identität zu schützen. Y bringt seine Fähigkeiten als Künstler ein und gehört zu den mehr als 5.000 Mitgliedern einer geheimen Gruppe in der Telegram Messaging App, die für Freiheit und Demokratie in Hongkong kämpft.

„Wir wussten, dass wir einen harten Kampf gegen die Regierung und die Polizei führen müssen“, sagt Y. In den letzten Monaten haben hunderttausende Menschen an Massenkundgebungen teilgenommen, die von der Opposition gegen ein Gesetz entfacht wurden, welches eine Auslieferung von Bürgern nach China ermöglichen würde.

Das Herzstück der Künstler-Bewegung ist die fortwährende Schaffung und massenhafte Verbreitung von Protestkunst, die über Online-Foren, Chatgruppen, sozialen Medien und auf sogenannten „Lennon Walls“ kommuniziert wird, wo Menschen unterstützende Botschaften auf bunten Post-it-Zetteln hinterlassen. Bei Protesten und in öffentlichen Verkehrsmitteln tauschen iPhone-Benutzer oft Bilder über die Plattform MASS Airdrop aus.

Die Kunst soll inspirieren, vereinen und stärken. Sie nutzt oft Humor, um den erschöpften, manchmal erschütterten, aber heftig entschlossenen Studenten etwas Erleichterung zu verschaffen. Jedoch soll diese Kunst auch einen praktischen Nutzen haben. „Wir müssen eine Menge Informationen verarbeiten und in Bildern zusammenfassen“, erklärt Y. Das grafische Werk dient dazu, die Protestierenden darüber zu informieren, wo sie sich treffen, was sie anziehen und sonst noch wissen sollten, um sich vor Tränengas und einer aggressiver werdenden Polizei zu schützen.

Ein Transparent, das Demonstranten, einen Erst-Helfer und eine ältere Person in einer Warnweste zeigt.

Ein Team von mehr als 200 Designern, die im Schichtbetrieb arbeiten, übersetzt die Konzepte und Botschaften in diese pointierte Grafiken, mit denen man heute die Protestierenden in Hongkong verbindet.

Seit der britischen Übergabe 1997 haben Hongkong und China das „Ein Land – zwei Systeme“-Abkommen geschlossen, das den Einwohnern Hongkongs ein größeres Maß an Unabhängigkeit bietet, als dies auf dem chinesischen Festland der Fall ist. Diejenigen, die sich gegen das Gesetz aussprachen, meinten, es gefährde Hongkongs Halbautonomie gegenüber China. Das Gesetz würde bei seiner Verabschiedung die in Hongkong lebenden Kritiker Pekings gefährden, da sie sich plötzlich mit dem chinesischen Rechtssystem konfrontiert sehen würden. Menschenrechtsorganisationen dokumentieren auf dem Festland Chinas willkürliche Inhaftierungen, Folterungen und Zwangsarbeit unter dem kommunistischen Regime.

Hongkongs Beamte verteidigten das Gesetz zunächst mit der Begründung, dass es Hongkong vor Kriminellen schütze, die aus anderen Rechtssystemen fliehen würden. Die Regierungschefin Hongkongs, Carrie Lam, bestand darauf, dass das Gesetz nicht in Bezug auf die Meinungsfreiheit  gelten würde. Davon konnte sie jedoch die Demonstranten nicht überzeugen. Obwohl das Auslieferungsgesetz auf Eis gelegt wurde, gingen die Demonstrationen weiter, wobei die Demonstranten ihre Forderungen nach mehr Demokratie und polizeilicher Rechenschaftspflicht ausweiteten.

Während viele in Hongkong ihr Leben riskieren, gibt es auch diejenigen außerhalb Chinas, die ihre Position nutzen, um Solidarität mit den Demonstranten zu zeigen. Frau Guri Melby, eine norwegische Abgeordnete, hat die Bevölkerung Hongkongs für den Friedensnobelpreis im nächsten Jahr nominiert, um die internationale Unterstützung für den Kampf der Stadt für Redefreiheit und Demokratie zu fördern.

Ein Plakat wirbt für eine Kundgebung am Flughafen, nachdem eine weibliche Protestierende schwer verletzt wurde, als sie von einem Plastikgeschoss der Polizei ins Auge getroffen wurde.

Daxiong weiß aus eigener Erfahrung die Bedeutung der Sache und die Gefahr, der die Demonstranten in Hongkong ausgesetzt sind. „Als ich sie im Fernsehen auf der Straße marschieren sah, hatte ich das Gefühl, dass sie etwas brauchen, das sie in den Händen halten können. So kam mir der Einfall, ihnen etwas zu zeichnen“, erklärte er in einem Interview.

Daxiong erfand das Motto „Hongkong Widerstand“, das auf vielen seiner Plakate auf Chinesisch geschrieben steht. Dieser Slogan ist unter den zahlreichen Demonstranten, darunter auch die Popsängerin Denise Ho, populär geworden. Sie schwenken die bunten „Hong Kong Widerstand“-Bilder, um die vollständige Rücknahme des Gesetzes zu fordern. „Sie alle hielten meine Arbeit in den Händen und riefen die Worte auf dem Plakat. Ich hatte das Gefühl, dass ich einen Einfluss auf ihren Ausdruck und ihre Ausrichtung hatte“, sagte Daxiong. „Das erinnerte mich daran, mit meinen Worten umsichtiger umzugehen, um sie nicht in Gefahr zu bringen. Die Botschaften, die ich übermittle, müssen sehr positiv sein. Erwachsene sind meist raffiniert, schlagfertig und scharfsinnig. Die Jugend ist voller Geist, sie hat Ideale und ein Streben nach Schönheit in der Welt“, meinte er. 

Der Politikwissenschaftler Dan Garrett, der seit zwei Jahrzehnten in Hongkong lebt, schrieb ein Buch zusammen mit einem Protestfotografen, der über 600 Demonstrationen dokumentiert hat: „Gegenhegemonialer Widerstand im chinesischen Hongkong: Visualisierung des Protestes in der Stadt“. Er beobachtete, dass Maler für ihre Plakatbilder viele Einflüsse aus einer Reihe von künstlerischen Stilen nutzen. Dazu gehören japanische Anime, Marvel-Superhelden-Comics und Hollywood-Filmplakate, und es wird aufgezeigt, wie dystopische, antiautoritäre Genres bei den Demonstranten wirklich Widerhall finden.

Das originale Filmplakat von Kill Bill, das durch die Änderung des Gesichts der ursprünglichen Uma Thurman in das der Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam umgewandelt wurde, ist ein großartiges Beispiel. „Helden und Heldinnen, die böse totalitäre Regime und Herrscher trotz unüberwindbarer Chancen besiegen, sind besonders motivierend für die jüngere Generation der Hongkonger an den Frontlinien der Widerstandsbewegung“, sagte Garrett. “ 

Humor, kreative Wortspiele, kantonesische Mundart, Bezug auf lokale Musik, globale Popkultur und Werbung finden ebenfalls Eingang in die Bildsprache der Protestplakate. „Viele Menschen sind sehr gefühlsbetont, so dass einige dieser Illustrationen ihnen emotionale Erleichterung verschaffen können“, sagt Arto, ein Satiriker, dessen Karikaturen sehr beliebt sind. Weiter meint er im Time Magazine: „Spott mit Humor zu bekämpfen, ist wahrscheinlich effektiver, als einen Krieg um die öffentliche Meinung zu führen.“ In der Kunst- und Protestgeschichte gibt es genügend Beispiele dafür, wie die Menschheit mittels Kunst über Brutalität triumphiert hat.

Widerstand von Demonstranten, von Daxiong

Künstler aller Art – Komponisten, Schriftsteller, Maler und Filmschaffende – haben ihren Werken Samenkörner des Glaubens, des Mutes und der Freiheit beigefügt, in der Hoffnung, sie mögen Wurzeln schlagen, gedeihen und sich verbreiten. Von dem Maler Goya, der die sozialen Ungerechtigkeiten in seinem Heimatland Spanien kommentierte, bis hin zum italienischen Komponisten Giuseppe Verdi, der ein gutes Verständnis für die Grenzen der Freiheit hatte und seine populären Opern als politisches Mittel einsetzte.

Ein weiteres Beispiel ist das von Ben Shahn, der dazu beitrug, die Aufmerksamkeit der Welt auf das Massaker der Nazis im kleinen tschechischen Dorf Lidice zu lenken. Shahn schaffte es mithilfe seiner Kunst und Druckgrafik, diese schockierenden Gräueltaten publik zu machen, und so die Alliierten gegen die Nazis zu mobilisieren.

Beethovens Neunte Sinfonie wird seit ihrer Uraufführung in Wien im Mai 1824 überall auf der Welt herangezogen, um das Thema der Brüderlichkeit wachzurufen. Sie basiert auf einem Gedicht von Schiller, der „Ode an die Freude“ (1785), mit den berühmten Worten: „In einem neuen Zeitalter werden die alten Wege die Menschen nicht mehr trennen und alle Menschen werden Brüder werden.“

Als 1989 die Berliner Mauer fiel, führte Leonard Bernstein Beethovens Neunte als „Ode an die Freiheit“ auf beiden Seiten der Mauer auf. In Chile sangen Frauen die „Ode an die Freude“ außerhalb von Foltergefängnissen, wo die darin Eingeschlossenen den Straßenchor hören konnten, der sowohl offene Arme als auch Hoffnung anbot. 

Im Jahre 1989 spielten Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens die Neunte Symphonie über behelfsmäßige Lautsprecher, um der Welt ihre Botschaft der Hoffnung für China hörbar zu machen, während die Truppen der kommunistischen Partei Chinas ihre demokratischen Bestrebungen zunichtemachten. Von der politischen Wut der Rap-Musik und des Punkrock, über die Graffiti-Kunst von Banksy bis hin zu den Graphic Novels von Joe Sarco, wirken sich die Künste direkt auf die Menschen aus, beeinflussen ihr Denken und ihr Bewusstsein. Die Künste sind eine mächtige, gewaltlose Waffe und ein wirksamer Apparat für den Wandel, der es jedem ermöglicht, daran teilzunehmen. Im Laufe der Geschichte haben die Künste informiert, ermutigt und Hoffnung vermittelt, Botschaften verdeutlicht, das Volk mobilisiert und dem Chor die dringend benötigten Lieder zur Verfügung gestellt.

„Die Kommunistische Partei Chinas ist in der Gewalt verwurzelt. Daher können keine Gewalt oder Lügen jeglicher Art in der Welt ihnen ebenbürtig sein. Sie würden nur ihren Charakteristiken entsprechen und mit ihnen verschmelzen. Was das chinesische Regime am meisten fürchtet, ist das Gegenteil von Gewalt: Wahrheit, Gelassenheit und Vernunft“.

Daxiong

Der Originaltitel erschien in Englisch auf Canvas.nma.art.

Über die Autorin: Masha Savitz ist Journalistin, Autorin von Fish Eyes for Pearls, Malerin und Filmemacherin, die den bahnbrechenden Dokumentarfilm Red Reign geschrieben und Regie geführt hat.

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