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Die heilende Kraft der Kunst von der Antike bis heute

Leonardo Da Vinci, vitruvianischer Mensch

Wenn das Leben einem dystopischen Netflix-Special gleicht, inmitten einer globalen Gesundheitskrise, eines kaputten Umwelt-, Wirtschafts- und Justizsystems und mit körperlich, emotional und spirituell kränkelnden Menschen, sind wir aufgerufen, über den Sinn des Lebens und insbesondere unseres Lebens nachzudenken. Unvermeidlich stellt sich die existentielle Frage: „Habe ich als Künstler etwas Bedeutsames anzubieten? Kann Kunst wirklich einen Beitrag leisten?“

Diese folgende Sammlung von Anekdoten von der Antike bis heute untersucht die Wirksamkeit der Kunst zur Heilung von Geist, Körper und Seele und liefert ein schallendes, inbrünstiges und flehendes Ja. Ja. JA!

Der Goldene Schnitt, der göttliche Schnitt oder die Fibonacci-Folge nach dem italienischen Mathematiker aus dem späten 11. Jahrhundert ist eine sich als Muster darstellende Gleichung, die in der Natur und der traditionellen Kunst im Überfluss vorhanden ist. 

Das mathematische Wissen über das göttliche Verhältnis geht bis ins antike Griechenland zurück; es kehrte in Kunst und Architektur während der Renaissance zurück. Seither wird es in der klassischen Malerei, Skulptur, Architektur, Fotografie und im modernen Grafikdesign verwendet. Sogar die europäische Norm der DIN-A-Papierformate basiert auf dem Goldenen Schnitt.

Veranschaulichung des Proportionsverhältnisses des Goldenen Schnittes

Der Grund dafür, dass dieses Verhältnis in Kunst und Design Verwendung fand, ist, dass es dem Auge sehr wohl bekommt und ein Gefühl der Harmonie vermittelt. Es könnte damit zu tun haben, dass das Proportionsverhältnis sowohl im menschlichen Körper als auch in der Natur zu finden ist und uns bei der praktischen Anwendung automatisch ein angenehmes Gefühl vermittelt.

Vor allem diejenigen Künstler, die den sakralen Akt der Darstellung des Lebens anstrebten und im multidisziplinären Ansatz der Renaissance gelernt hatten, waren daher ebenso wie die diesem Prinzip folgenden Architekten und Musiker bestrebt, es für Ausgewogenheit und generative Ganzheit zu nutzen. Man hatte die Auffassung, dass man, wenn man sich der äußeren Harmonie aussetzt, zur Neuausrichtung unseres Systems beitragen kann, um es wiederherzustellen und dazu zu ermutigen, sich neu zu orientieren und in seiner Homöostase zu rekalibrieren.

Ist es nur ein Zufall, dass der Name „Medici“ – jener Florenzer Hochadels-Familie, welche die Renaissance inspirierte, indem sie die Erfindung des Klaviers und der Oper finanzierte, Koryphäen wie Leonardo Da Vinci und den Bau des Petersdoms unterstützte – von dem lateinischen Wort „Medizin“ abgeleitet ist?

Im antiken Griechenland wurde dieses Wissen auf die architektonische Gestaltung von Krankenhäusern angewandt. Asklepios war der griechische Gott der Medizin. Er war der Schutzgott und gilt als Ahnherr der Asklepiaden, einer antiken Zunft von Ärzten. Ihren Traditionen folgend wurden die seligmachenden Säle der Athener Krankenhäuser des fünften Jahrhunderts benannt und gestaltet. Man glaubte, die beruhigende Ästhetik sei entscheidend für ein Gefühl der Ruhe und somit auch für die Heilung.

Überreste von Asklepios, einem alten griechischen Krankenhaus auf Kos

Diese Tradition erlebte im vierzehnten Jahrhundert eine Wiedergeburt in den Spadale di Santa Maria in Siena, wo Fresken von Simone Martini und Gemälde von Domenico di Bartolo und Lorenzo Vecchietta von den Stadträten in Auftrag gegeben wurden, um in den Sälen ausgestellt zu werden.

In musikalischer Hinsicht könnten wir die Geschichte von David und der Harfe aus der Bibel übernehmen:

„Wenn nun der Geist Gottes über Saul kam, so nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand; so erquickte sich Saul, und es ward besser mit ihm, und der böse Geist wich von ihm.“ (Samuel I 16:23)

Neben der Heilung von Wutanfällen, Alpträumen und dem allgemeinen Unwohlsein von König Saul konnte Davids begehrtes Harfenspiel auch böse Geister beseitigen. 

Die heilende Wirkung der Harfe wird sowohl in alten Lehrbüchern als auch in der Geschichte immer wieder erwähnt. Unsere Vorfahren schienen mit dem Wissen, warum oder wie die Musik ihren magischen, regenerierenden und ausgleichenden Zauber entfaltete, verbunden zu sein.

Eine Harvard-Studie zeigte, dass unregelmäßiger Herzschlag, ein Zustand, der als arterielles Flimmern bekannt ist, auf die beruhigende Natur sanfter und entspannender Musikrhythmen anspricht. Laut dem Arzt Mark Tramo wird ein Teil des Gehirns, das sogenannte mesolimbische System (auch als „positives Belohnungssystem“ bezeichnet), durch das Hörnervensystem stark beeinflusst. Dr. Robert Eckel vom American Heart Institute geht sogar so weit zu sagen: „Es besteht kein Zweifel, dass Musik die Produktion von Stresshormonen verringern kann.“

Das chinesische Zeichen für „Medizin“ (藥yào) stammt sogar aus dem Zeichen für „Musik“ (樂, yuè). Diese zwei Teile und drei Bedeutungen geben insgesamt einen Einblick, wie die alten Chinesen die Medizin verstanden. Das Zeichen 藥(Medizin) ist aus dessen unteren Teil 樂 (Musik) hervorgegangen, das auf die historische Verwendung von Musik zur Heilung von Krankheiten seit der chinesischen Antike hinweist. Noch vor der Entdeckung der Kräutermedizin wurde mit einem System bestimmter Töne, die bestimmten Organen des Körpers entsprechen, gearbeitet. Im alten China war Musik also nicht nur zur Unterhaltung gedacht, sondern um das Energiesystem des Körpers auf die Harmonie der Klänge einzustimmen. Daraus resultierte der Bau von Instrumenten speziell für das Wohlbefinden.

Domenico di Bartolo: Die Pflege der Kranken (1440). Wandmalerei, Siena, Sala del Pellegrinaio im Hospital S. Maria della Scala

Wenn wir zur bildenden Kunst zurückkehren, können wir die zunehmend populäre und wertvolle Praktik der Kunsttherapie heranziehen, um ein Verständnis zu erhalten, wie ernst die Kunst genommen wird. Das Konzept der „Kunsttherapie“, die Idee, dass die Tätigkeit des Kunstschaffens eine neue Energie entfacht, gewinnt an Zuspruch. Patienten können dadurch besser mit ihren Leiden umgehen, das Stressniveau und Symptome reduzieren und ein stärkeres Gefühl der Willenskraft entwickeln.

Darüber hinaus gab die Werbebranche Millionen von Dollar in die kognitionspsychologische Forschung aus, um besser zu verstehen, wie Farbe unsere Stimmungen und Wahrnehmungen beeinflusst.

Die Vorstellung, dass wir auf verschiedene Schwingungen von Musik, aber auch auf die Schwingungen von Licht und Farbfrequenzen reagieren, ist nicht neu. Die aufkommende Anwendung der „Chromotherapie“, bei der die Wirkung verschiedener Farbpigmente mit Begriffen wie „heilende Farben“ untersucht wird, wird von der medizinischen Industrie sehr ernst genommen. Diese berät sich nun mit Experten über die Gestaltung und Dekoration medizinischer Räumlichkeiten, um sie weniger bedrohlich und einladender zu gestalten.

Diesen „heilenden Farben“ wird nachgesagt, dass sie unser Nervensystem beeinflussen, um unsere Stimmung zu verändern und ein Gefühl von Frieden und Ruhe fördern. 

Der dänische Designer Jacob Olsen zitiert das, was man als eine Kurzform des „Periodensystems“ für Farben bezeichnen könnte, wie folgt:

Rot ist, wie man vermuten könnte, eine recht anregende Farbe, die Vitalität und Energie stimulieren kann. Sie wird beispielsweise bei Bluthochdruck-Patienten abgeraten, da sie den Blutdruck erhöht und den Adrenalinspiegel ansteigen lässt – keine Farbe, die in Krankenhäusern großzügig verwendet wird. 

Orange hingegen soll Wärme und ein Gefühl der Freude und des Glücks ausstrahlen und wird häufig auf Kinderstationen verwendet.

Gelb gehört zu den beliebtesten Farben für Krankenhäuser, da es leuchtend und heiter ist. Es soll den Geist entgiften und die Kreativität anregen. Offenbar darf sie nicht übermäßig benutzt werden, da sie zu Magenproblemen und Schlaflosigkeit führen kann. 

Grün wiederum gilt als erholsam und symbolisiert Wachstum und Erneuerung. Man behauptet aber auch, dass es das Gleichgewicht fördert und besonders gut für Herz, Lunge und Kreislaufsystem ist.

Blau gilt als eine der wichtigeren heilenden Farben, da sie mit Gelassenheit und Frieden verbunden ist. Sie soll den Blutdruck und die Herzfrequenz senken, eine entspannende Wirkung auf Augen, Ohren und Nase haben und auch mit dem Hören zu tun haben. 

In der Gegenwart von großer Schönheit zu sein, wirkt sowohl erfüllend als auch erhebend für den Geist. Wie wissenschaftliche Untersuchungen nahelegen, kann es sogar das Stresshormon Cortisol senken, das im System allzu oft zu einer Unzahl von degenerativen Erkrankungen führen kann.

Wir könnten daher schlussfolgern, dass, wenn die traditionellen Künste Heilkraft besitzen, im Gegensatz dazu disharmonische oder dissidente Arbeit nicht mit dem emotionalen, körperlichen und spirituellen Wohlbefinden in Einklang zu bringen wäre. Warum sonst wird Heavy-Metal-Musik laut gespielt, um einen Gefangenen zu brechen? 

Aus spiritueller Sicht wird das, worauf wir uns ausrichten, oder womit wir „einverstanden“ sind, verstärkt oder vergrößert. Nicht unähnlich den Algorithmen auf Facebook, die Ihr eigenes Glaubenssystem propagieren, indem sie Ihnen mehr von dem, was Sie glauben, in Ihrem Nachrichtenfeed zeigen.

Wenn wir die schöne Kunst betrachten, das heißt, ein Bild durch die Bewusstseinssinne wie auch durch die Sinnesorgane „aufnehmen“ – eine Arbeit, die absichtlich organisiert, harmonisch und vollständig und ganz in sich selbst, ausgewogen und proportioniert, poliert und verfeinert ist – dann erfahren auch wir Ganzheit, Ausgewogenheit und Veredelung von Herz und Seele, Geist und Körper.

„Wir wurden lebendig und voller Schönheit in die Welt gesandt. Sobald wir uns für die Schönheit entscheiden, verbünden sich unsichtbare Kräfte, die uns zu unerwarteten Formen des Mitgefühls, der Heilung und der Kreativität führen und ermutigen“, erkannte der verstorbene irische Schriftsteller, Philosoph und Dichter John O‘ Donahue.

Der Originaltitel erschien in Englisch auf Canvas.nma.art.

Über die Autorin: Masha Savitz ist Journalistin, Autorin von Fish Eyes for Pearls, Malerin und Filmemacherin, die den bahnbrechenden Dokumentarfilm Red Reign geschrieben und Regie geführt hat.

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