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Die Suche eines Künstlers nach der Schönheit

Die Schönheit auf der Erde regt die Seelen dazu an, sich an ihre Zeit im Himmel zu erinnern. (Bild: iStock)

Im Laufe der Geschichte hat sich die Definition von Schönheit immer wieder verändert. Dennoch ist die Frage zeitlos und für den Kunstprofessor Eric Bess aktuell wie eh und je: „Worin liegt die Schönheit in der Kunst?“ 

Im Laufe der Geschichte hat sich die Definition von Schönheit immer wieder durch bedeutende Ereignisse verändert. Kriege, technologische Errungenschaften, Befreiung sowie Unterdrückung beeinflussten das, was die Menschheit in der Kunst finden wollten.

Nachdem die Nachkriegszeit von Jahrzehnten dauernder Regeneration geprägt war, in denen sich in der Kunst ein Ausbruch aus der Vergangenheit abzeichnete, scheint folgende Frage in der Gesellschaft wieder aktuell zu sein: „Worin liegt die Schönheit in der Kunst?“

Obwohl es auf diese Frage keine absolute Antwort gibt, stelle ich sie mir trotzdem täglich, weil ich mir dadurch eine tiefere Betrachtung erhoffe.

Lassen Sie uns eine Reise ins antike Griechenland unternehmen. Die schöne Geschichte von Platons literarisch gestalteten Dialog „Phaidros“ beeinflusste den Neoplatoniker Marsilio Ficino und half, die italienische Renaissance zu entfachen. In dem Schriftstück folgt Sokrates Phaidros in sein Heimatland Athen, um einen Diskurs über Liebe zu hören. Der größte Teil des Dialoges handelt dabei von der Macht der Rhetorik. Am interessantesten finde ich allerdings den Teil, als sich für Sokrates plötzlich eine Quelle der Inspiration auftut. 

Er beginnt, über die Wege der Götter und des Himmels zu sprechen. Er beschreibt, wie Zeus und elf Scharen von Göttern und Halbgöttern auf ihren Streitwägen in die Höhe des Himmels fahren. Auf ihrem Weg werden sie Zeugen spektakulärer Ereignisse. Die Seelen folgen ihren jeweiligen Göttern bis zur Höhe des Himmels, wo die Götter den Himmel und seine Wahrheit erkennen können und sich an ihr stärken. Einige Seelen sind jedoch nicht kräftig genug, um die Reise zu überstehen und fallen wieder auf die Erde, um einen menschlichen Körper zu bewohnen.

Die Schönheit auf der Erde regt die Seelen dazu an, sich an ihre Zeit im Himmel zu erinnern. Diese Schönheit auf der Erde ist jedoch nur eine abgewandelte Schönheit, die geschaffen wurde, um die Freude zu entfachen, die eine Seele an ihrem Ursprungsort sah. Davon inspiriert möchte die Seele einen Flug zurück in den Himmel antreten.

Die drei Teile der Seele

Sokrates fährt fort und beschreibt, dass die Seele drei Teile besitzt: einen Wagenlenker und zwei Pferde. Ein Pferd ist gut, bescheiden, rein und ehrenhaft. Das andere Pferd ist unehrlich, hochmütig und dreist. Wenn diese drei das Schöne sehen, das sie an den Himmel erinnert, betrachten der Wagenlenker und das gute Pferd es mit Respekt und Ehrfurcht, jedoch das unverschämte Pferd zieht mit unkontrolliertem Verlangen vorwärts. Durch geübte Kontrolle und erreichter Harmonie zwischen diesen gegensätzlichen Kräften kann die Seele ihre Flügel wiedererlangen, um den Flug in den Himmel erneut aufzunehmen.

Wenn ich an Schönheit denke, erinnere ich mich an die obige Geschichte. 

„Die Malerei und Bildhauerei der Griechen suggerierte, dass die Griechen „etwas besaßen, das der Natur überlegen war; ideale Schönheiten oder im Geist geformte Bilder“, sagte Johann Winckelmann, deutscher Akademiker und Kunsthistoriker des 18. Jahrhunderts.

Nicht jeder glaubt heute an Götter, Mythen und Märchen oder an dieses „etwas, das über die Menschenwelt hinausgeht“, welches das Schöne hervorbringt. Gibt es aber überhaupt einen Weg, wie unsere modernen menschlichen Produktionen auf eine inspirierte Schönheit hinweisen können, die uns zum Höhenflug bewegt? Was ist dieses „darüber hinaus““, das die Griechen inspiriert hatte?

Eine Darstellung des Kontrollverlusts über diese beiden Pferde ist die Darstellung „Der Sturz des Phaethon“ des flämischen Malers Peter Paul Rubens.

Sir Peter Paul Rubens. „Der Sturz des Phaethon“, um 1604/1605, wahrscheinlich um 1606/1608 überarbeitet. Öl auf Leinwand, 38,75 Inch x 51,63 Inch. Nationalgalerie der Kunst, Washington D.C. (Bild: Canvas)

Da Phaethon beschuldigt wurde, ein unehelicher Sohn zu sein, verlangte er von seinem Vater Helios, den Beweis für die tatsächliche Vaterschaft. Helios willigte ein, Phaeton alles zu gewähren was er wollte.  So bat Phaethon darum, den Wagen der die Sonne trug, lenken zu dürfen. Helios war an seinen Eid gebunden und willigte ein. Also begann Phaethon seine Reise, konnte aber die Pferde, die den himmlischen Wagen zogen, nicht kontrollieren. Dies führte dazu, dass er zu nahe an die Erde flog und begann diese zu versengen. Um weiteren Schaden zu verhindern, griff Zeus ein, indem er mit einem Blitz auf den Wagen abfeuerte. Folglich stürzte Phaeton auf die Erde.

Rubens schildert das Drama des Sturzes des Phaethon, vermutlich von jenem Moment, nachdem Zeus eingegriffen hatte. Phaethon fällt zusammen mit dem Wagen und anderen Figuren auf die Erde. Rubens hat die Dramatik der Szene verstärkt, indem er mit diagonalen Kompositionselementen Bewegung suggeriert. Die Figuren fallen von rechts oben nach links unten, und die Lichtstrahlen von rechts oben verstärken diese Bewegung. Obwohl die Figuren in Diagonalen fallen, sind sie als Ganzes auf einer Ellipse angeordnet, und diese elliptische Anordnung verstärkt die Bewegung der Szene. Die Dramatik wird auch durch den Einsatz von Licht verstärkt. Hoher Kontrast, fallende Diagonalen und elliptische Anordnungen sorgen für eine dramatische Darstellung.

Diese von Rubens dargestellte Version des Falls von Phaethon verkörpert die Eigenschaften des unverschämten Pferdes, das Sokrates in Platons Phaidros beschrieben hat. Es stellt die Seele dar, die nicht stark genug ist, um den Flug der Götter zu ertragen. Eine Seele, die den Flug ertragen kann, ist eine Seele, welche Harmonie zwischen dem gemäßigten Pferd und dem unverschämten Pferd schafft. Das unschuldige Kind Phaethon möchte eigentlich nur den Liebesbeweis seines Vaters, ist aber nicht in der Lage, die beiden Pferde des Wagens zu harmonisieren und fällt auf die Erde.

Francisco Goya. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. C. 1799. 8,44 Zentimeter x 5,88 Zentimeter. Metropolitan Museum of Art, New York. (Bild: Canvas)

Das 20. Jahrhundert wurde von Krieg und Gewalt geplagt. Viele Künstler, wie die Dadaisten, glaubten, dass das Anzapfen ihrer kindlichen Unschuld helfen würde, ein von Zerstörung überwältigtes Jahrhundert auszugleichen. Ich sehe oft Picassos berühmtes Zitat „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist, wie wir Künstler bleiben können, wenn wir erwachsen sind“, oder auf auf Social-Media Feeds auftauchen.. Traditionelle Vorstellungen von Schönheit wurden mit der Rationalität und Vernunft von Krieg und Gewalt vermischt und für ein Bildnis  der „Unschuld“ verworfen. Jedoch kann auch die kindliche Unschuld in einer kulturell geprägten Umgebung ebenso gefährlich sein.

Nun ist es an der Zeit etwas über die Vermeidung von Extremen zu sagen: Schönheit ohne Emotionen verliert ihre Unschuld und wird kalt und statisch. Unschuld ohne Vernunft hingegen manifestiert sich als übertriebene Emotion, die zu Verformung und Zerstörung führt.

Die Zeit ist reif, diese Schönheit und Unschuld wieder zu vereinen und in Einklang zu bringen. Dann können wir versuchen einen Höhenflug zu unternehmen, um möglicherweise eine Schönheit kennen zu lernen, die von unserer Wahrheit genährt wird.

Englischer Originalartikel hier.

Über den Autor: Eric Bess ist Kunstprofessor an der Universität Wittenberg, Doktorand in Kunsttheorie am Institute For Doctoral Studies In the Visual Arts (IDSVA), professioneller Ölmaler und Tätowierlehrling.

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