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Entschlüsselung der chinesischen Schriftzeichen (9) – Was verbindet die Nobelpreisträger Bohr, Hayek und Russell mit China?

(Bild: 238308734, Moving Moment – stock.adobe.com)

Sie haben sicher schon von “Yin und Yang” gehört, das Tai Chi-Symbol gesehen oder sind sogar mit der Kampfkunst “Taijiquan” in Berührung gekommen. Aber woher kommen die Begriffe “Yin und Yang”, oder die Theorie vom Tai-Chi (oder Taiji)?

Daodejing (Tao Te King) – ein weltbekanntes Buch aus China

In der chinesischen Geschichte gab es viele spirituelle Schulen, von denen der Daoismus weithin akzeptiert und verbreitet war. Die taoistischen Gedanken beeinflussen Chinesen seit Tausenden von Jahren in verschiedenen Bereichen tiefgreifend, wie zum Beispiel die Weltanschauung, Philosophie, Ästhetik und Kunst, Religion, Medizin und Architektur. So bilden der Daoismus, der Buddhismus und der Konfuzianismus zusammen die drei Säulen der traditionellen chinesischen Kultur. 

Laozi (oder Lao Tzu/ chinesisch 老子) ist einer der wichtigsten Vertreter des Daoismus. Der “Name” ist eigentlich ein Titel und bedeutet “Alter Meister”. Als er noch lebte (vor ungefähr 2.500 Jahren), wurde er bereits als Erleuchteter anerkannt und hinterließ nur ein einziges Buch mit ungefähr fünftausend Wörtern – das Daodejing (oder Tao Te King, chinesisch 道德經).

Seit dem 16. Jahrhundert wurde das Daodejing in viele Sprachen übersetzt, darunter in das Lateinische, Französische, Deutsche und Englische. Laut UNESCO ist das Daodejing nach der Bibel das Buch, das in die meisten Fremdsprachen übersetzt wurde. Fast jedes Jahr erscheinen eine oder zwei neue Übersetzungen. Nach den Statistiken der UNESCO ist das Daodejing auch das kulturelle Werk mit der höchsten Auflage in Fremdsprachen – wieder mit Ausnahme der Bibel.

Vom “Alten Meister” lernen

Das Buch “Daodejing” hat also viele Menschen der ganzen Welt inspiriert und begeistert. Mit seiner modernen Ausdrucksweise hat Laozi auch in Europa viele Fans gewonnen. 

Die wohl bekannteste Widerstandsgruppe des Dritten Reiches wurde auch durch Lao Tzu inspiriert. In dem zweiten Flugblatt der Weißen Rose sind die zwei folgenden Passagen aus dem Daodejing zitiert:

„Der, des Verwaltung unauffällig ist, des

Volk ist froh. Der, des Verwaltung aufdringlich

ist, des Volk ist gebrochen.

Elend, ach, ist es, worauf Glück sich aufbaut.

Glück, ach, verschleiert nur Elend.

Wo soll das hinaus? Das Ende ist nicht abzusehen.

Das Geordnete verkehrt sich in Unordnung,

das Gute verkehrt sich in Schlechtes.

Das Volk gerät in Verwirrung.

Ist es nicht so täglich seit langem?

Daher ist der Hohe Mensch rechteckig,

aber er stößt nicht an, er ist kantig,

aber verletzt nicht, er ist aufrecht,

aber nicht schroff. Er ist klar,

aber will nicht glänzen.“

„Wer unternimmt, das Reich zu beherrschen, und es nach seiner Willkür zu gestalten; ich sehe ihn sein Ziel nicht erreichen; das ist alles“.

„Das Reich ist ein lebendiger Organismus; es kann nicht gemacht werden, wahrlich! Wer daran machen will, verdirbt es, wer sich seiner bemächtigen will, verliert es“.

Daher: „Von den Wesen gehen manche vorauf, andere folgen ihnen, manche atmen warm, ­manche kalt, manche sind stark, manche schwach, manche erlangen Fülle, andere unterliegen“.

„Der hohe Mensch daher läßt ab von Über­triebenheit, läßt ab von Überhebung, läßt ab von Übergriffen“.

Drei weitere große Fans sind Nobelpreisträger: Diese sind der Ökonom und Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek aus Österreich (Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 1974), der britische Philosoph, Mathematiker und Logiker Bertrand Russell (Nobelpreisträger für Literatur 1950) und der dänische Physiker Niels Bohr (Nobelpreisträger für Physik 1922), der vielleicht der größte Fan von Laozi außerhalb Chinas ist.

1947 entwarf Niels Bohr anlässlich der Verleihung des Elefanten-Ordens sein eigenes Wappen (Elefanten-Orden stellen die höchsten und ältesten dänischen Ritterorden dar). Dieses Wappen beinhaltete das Tai Chi-Zeichen und ein Zitat aus dem Buch “Daodejing”, das ins Lateinische übersetzt wurde.

Was wollte Laozi den Menschen verraten?

Worüber schrieb Laozi eigentlich, dass so viele Menschen ihre Aufmerksamkeit darauf richteten? 

Der Titel des Buches “Daodejing” heißt wörtlich übersetzt “Der heilige Text vom Dao (道) und Tugend (德)”.  Das Schriftzeichen “dao” 道 bedeutet der Weg, Prinzip und Sinn. Das Wort “de” (德) hat die Bedeutungen von Tugend, Güte, Integrität. 

Inhaltlich wird das Buch in zwei Teile aufgeteilt: Im ersten Teil über Dao (道) erklärt Laozi die Wahrheit des Universums und die Gesetzmäßigkeiten der natürlichen Welt. Dao ist hier auch das Prinzip, dem Menschen folgen sollten, um sich zu kultivieren. In dem zweiten Teil über Tugend (德) wird auf der Basis des ersten Teils erläutert, welche Weltanschauung, Methodik und Lebensweise die Menschen in der Welt praktizieren sollten, um in Harmonie und Einklang mit der Umgebung zu leben.

Die Geheimnisse in dem Schriftzeichen de 德 

Im letzten Artikel über das Schriftzeichen “ting” 聽 (Hören) erfuhren Sie, dass der rechte Teil von 聽 – also 𢛳 – Tugend bedeutet. Bei 𢛳 und 德 handelt es sich um dasselbe Schriftzeichen, wobei 𢛳 die ältere Schreibweise ist. 

Der linke Teil von 德 ist das Grundelement “chi” 彳. Dieses kommt vom Schriftzeichen 行 (xing, gehen/umsetzen/ausführen). 行 sah ursprünglich so aus und stellt eine Kreuzung dar. Mit einer Kreuzung wird symbolisiert, dass man auf dem Weg ist und sich für eine Richtung entscheidet. Schriftzeichen mit dem Grundelement “chi” haben meistens mit dem Gehen oder dem Verhalten zu tun, da vor einer Tat auch eine Entscheidung für einen Weg getroffen wird.

Der rechte Teil 𢛳 hat folgende Grundelemente: 十(shi, zehn), 罒 oder 目(mu, Auge), 一(yi, eins)und 心(xin, Herz). Ein Herz ist einfach zu verstehen, weil moralische Werte auf das Menschenherz hinweisen. Aber was bedeuten die zehn Augen?

Die Zahl Zehn bedeutet im übertragenen Sinn im Chinesischen auch das Oberste, das Höchste oder einfach nur sehr viel. Außerdem versinnbildlicht die Zehn hier auch die zehn Himmelsrichtungen Ost, Süd, West, Nord, Südost, Südwest, Nordost, Nordwest, Oben und Unten. Mit dem Begriff “zehn Himmelsrichtungen” wird vor allem im Buddhismus das grenzenlose Universum gemeint, in welchem sich die Gottheiten befinden.

Diese zehn Augen(十 und 罒)weisen also auf die unzähligen Lebewesen oder Gottheiten hin, die sich ebenfalls nach Gesetzmäßigkeiten des Universums richten müssen. 

Gleichzeitig verweisen die Augen auch darauf, dass das Herz und die Einstellung der Menschen beobachtet werden. Mit anderen Worten, wenn wir die Grundelemente  十(shi, zehn), 罒 oder 目(mu, Auge), 一(yi, eins)und 心(xin, Herz) zusammenzählen können, bilden wir quasi diesen Satz daraus: Alle betrachten des Einzelnen moralischen Werte.

Auf das Herz kommt es also an! Durch die Vorstellung, dass die Gottheiten auf das Herz jedes einzelnen Menschen schauen, ergibt sich das Schriftzeichen 𢛳. Mit dem Element 彳 wird noch deutlicher, dass Moral nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit Verhaltensregeln zu tun hat, die den Menschen von den Gottheiten gelehrt wurden. Welche Entscheidung man trifft und welchen Weg man geht, sollte aus einem guten Herz entspringen. Erst wer diesen Maßstab erfüllt, ist tugendhaft. 

Interessanterweise wurde das Schriftzeichen “de” 德 während der Schriftzeichen-Reform in China mit Absicht komplett beibehalten, damit die Menschen in China zwischen 德 und 听(Kurzzeichen für Hören) gar keinen Zusammenhang mehr erkennen können. 

Im Vergleich: 德 und 聽 (Langzeichen für Hören) zeigen eine klare Verbindung zueinander. Welche philosophischen Verbindungen zwischen de 德 und ting 聽 bestehen, können Sie im letzten Artikel (8) nachlesen.

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