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Freundlichkeit statt sozialer Kälte – Werden Sie zum Herdenanführer

(Bild: iStock)

Studien zeigen, dass 95 Prozent der Menschen in unsicheren Situationen, aufgrund des Phänomens des „Herdentriebs“, einem Anführer, der mit Überzeugung vorangeht, folgen. So kann unbewusster Gruppenzwang etwa übertriebenes Kaufverhalten oder unangemessene Panik und Egoismus auslösen. Man kann diesen „Instinkt zum Herdentrieb“ aber auch einsetzen, um die Welt positiv zu beeinflussen – beispielsweise durch mehr Freundlichkeit und Mitgefühl. 

Mit „Herdentrieb“ oder Gruppendynamik bezeichnet man den menschlichen Drang das Verhalten dem einer Gruppe anzupassen. Instinktiv ist man überzeugt, dass etwas, was viele Personen machen, irgendwie begründet und daher sinnvoll sein muss. Dies zeigt sich auch in den außergewöhnlichen Zeiten der aktuellen Pandemie. 

Der Herdentrieb in unsicheren Zeiten

Der Anblick von leergeräumten Regalen kann dazu führen, dass man, ausgelöst durch den Herdentrieb, selbst schnell seine Vorräte aufstocken möchte. Man sieht eine große Anzahl von Menschen Großeinkäufe machen und denkt, dass das Verhalten begründet sein müsse. Obwohl es in der aktuellen Situation durchaus Sinn macht, nicht jeden Tag für kleine Mengen einkaufen zu gehen, sind übertriebene Hamsterkäufe, von zum Beispiel Toilettenpapier, weniger sinnvoll.

Toilettenpapier gehört nicht wirklich zur Grundversorgung und es ist unwahrscheinlich, dass man plötzlich einen Jahresvorrat davon in ein paar Wochen verbrauchen wird. Es ist zudem auch rücksichtslos gegenüber anderen Menschen, für die dann eventuell keine einzige Packung übrigbleibt. 

Herdentrieb ist aber nicht immer negativ. In dem Buch „Die Weisheit der Vielen“ werden Fälle erzählt, wo es beispielsweise durch Gruppendynamik und kollektiven Einschätzungen möglich war, verschwundene U-Boote oder abgestürzte Raketen zu finden. Die kollektiv gesammelten Berechnungen waren oftmals denen einzelner Experten überlegen. Voraussetzung für solche Gruppenintelligenz ist, dass das persönliche Urteilsvermögen des Einzelnen nicht durch eine übergeordnete Hirarchie beeinflusst wird. 

Ansteckende Freundlichkeit

Laut einer Studie der Universität in Leeds, Großbritannien, reichen fünf Prozent einer Gruppe aus, um in verschiedenen Situationen die Dynamik der übrigen 95 Prozent zu beeinflussen.  Alles, was es dazu braucht, sind fünf Prozent, die überzeugt voranschreiten – sogenannte „Herdenführer“. 

Auf die Frage, wie man diese Dynamik zur Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen in den teilweise belastenden Zeiten von Ausgansgsbeschränkungen und Isolation nutzen kann, erklärt der Epidemiologe Dr. Howick in Psychology Today wie folgt:

„Dafür müssen wir unser Verhalten umlenken. Und zwar auf eine „ansteckende Freundlichkeit.“

Ältere Menschen, gerade wenn sie alleine sind und ihre Familie nicht sehen können, freuen sich über einen aufmerksamen Anruf. (Bild: iStock)

Möglichkeiten dafür sind, Familie und Freunde öfter anzurufen und einfach nur zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Dies gilt ganz besonders, wenn die Person alleine ist. Oder auch ein aufbauendes Gespräch mit den Nachbarn – unter Wahrung des Sicherheitsabstandes –  kann zum Positiven beitragen. Beim Spaziergang empfiehlt Dr. Howick Menschen einfach zuzulächeln, da jeder Ermutigung gebrauchen kann – gerade in einer unsicheren Situation.

Rücksicht und Verständnis statt Angst

Ein weiterer Aspekt ist, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und an andere zu denken, obwohl die Lage angespannt oder teilweise beängstigend ist. Angst ist aber ein schlechter Begleiter.

„Angst kann dazu führen, dass man das Leid anderer nicht mehr wahrnehmen kann“, sagt der Neurowissenschaftler und Psychiater Dr. Bonelli zum Thema soziale Kälte im Rahmen der Corona-Pandemie. 

Gerade aber in dieser Zeit ist Mitgefühl und gegenseitiges Verständnis besonders wichtig.

Dies gilt auch in Bezug auf die „Lagerbildung“, die zurzeit zu beobachten ist. Laut Dr. Bonelli sind es aktuell die „Gesundheitsaposteln“ die den „Freiheitsliebhabern“ gegenüberstehen. Meist stehen auf beiden Seiten verschiedene Ängste dahinter.

Während die einen das Gefühl haben, das andere Lager würde ihre Gesundheit gefährden, indem sie sich nicht streng an die Quarantänemaßnahmen halten, sind die anderen der Meinung, die strengen Maßnahmen würden die freie Gesellschaft zerstören. Manche fühlen sich dazu verpflichtet, sogar ihre eigenen Nachbarn sofort bei Behörden zu melden, wenn sie einen Verstoß gegen die verordneten Maßnahmen annehmen. Dabei wird oft vorher kein Gespräch gesucht, um die Situation zu analysieren und den Grund hinter dem Handeln zu sehen, oder vielleicht sogar zu verstehen. 

Dr. Bonelli spricht dabei fiktive schwierige Situationen an, beispielsweise wenn es einem älteren Familienmitglied aufgrund einer anderen Erkrankung als Covid-19 sehr schlecht geht. Er hinterfragt ob es richtig wäre, wenn sich diese Person beispielsweise wünscht, ihre Familie zu sehen – was das letzte Mal sein könnte – dies als Nachbar bei den Behörden zu melden. 

Dabei zieht Dr. Bonelli einen Vergleich zu den DDR-Zeiten, in der man auch als „Held“ galt, wenn man ein Vergehen gegen eine Vorschrift umgehend, ohne vorher die Situation in Ruhe und mit Mitgefühl abzuwägen dem Polizeistaat meldete.

Zum „Herdenanführer“ werden 

Niemand kann abstreiten, dass die aktuelle Lage eine unsichere Situation ist. Sie kann sowohl das Positive als auch das Negative im Menschen zum Vorschein bringen. Sowohl gute als auch schlechte Gesten können zu einer Gruppendynamik führen und den Herdentrieb auslösen. Deshalb ist es eine Zeit, in der man gut abwägen muss, welche Richtung man selbst vorgibt. 

Freundlichkeit kommt meist zurück. (Bild: iStock)

Für Dr. Howick ist dies eine klare Motivation zu freundlichen Gesten, wie etwa Menschen rücksichtsvoll begegnen oder ermutigende Worte für andere zu finden: 

„Das gute an solchen Gesten ist, dass sie sich vermehren. Wenn man sie macht, machen andere sie auch und dadurch wird eine Welle der Freundlichkeit erschaffen, die uns helfen wird, durch diese Situation zu kommen“, so Dr. Howick.

Also, wenn Sie niemanden sehen, der Freundlichkeit verbreitet oder Mitgefühl zeigt: Machen Sie mit Überzeugung den ersten Schritt und werden somit selbst zum „Herdenanführer“. Zumindest 95 Prozent der anderen werden laut Studien folgen.  

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