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Michelangelo – Wer nach Vollkommenheit strebt, strebt nach etwas Göttlichem

Wie viele Ausstellungen weltweit ist auch die Sonderausstellung „The mind of the Master“ im J.Paul Getty Center in Los Angeles von den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des neuartigen chinesischen Coronavirus betroffen und bis auf weiteres geschlossen. Doch der große Ansturm bei der Eröffnung der Ausstellung zu Ehren des Renaissance Meisters Michelangelo, bestätigte, welche Anziehungskraft einer der größten Künstler aller Zeiten auch heute noch hat. Aber was hat es mit den Meisterkünstlern auf sich, sodass die Bewunderung und Ehrfurcht der Menschen bis heute  anhält?

Unzählige Besucher füllten das renommierte J.Paul Getty Center zur Eröffnung der Sonderausstellung „The Mind of the Master“ im Februar dieses Jahres und waren gespannt auf die Werke des großen Meisters des 15. Jahrhunderts – Michelangelo. In dem palastartigen Museum aus 16 000 Tonnen Travertinstein aus Bagni di Tivoli, einer Stadt circa 30 Kilometer östlich von Rom, hätte sich Michelangelo geradezu zu Hause gefühlt. 

Besucher der Ausstellung Mind of a Master im J.Paul Getty Center.

Es ist nicht das erste Mal, dass Michelangelos Arbeit Menschenmengen anzieht. Das Metropolitan Museum of Artin New York hat bekannt gegeben, dass ihre Ausstellung „Michelangelo Divine Draftsman and Designer“ im November 2017, während ihrer drei monatigen Öffnungszeit 702.526 Besucher angezogen hatte. Somit zählt sie zu einer der erfolgreichsten Ausstellungen in der Geschichte des 148 Jahre alten Met.

Am 6. März 1475 als Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni in Kaprese (Provinz Florenz) geboren, hat der italienische Renaissance-Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter einen beispiellosen Einfluss auf die Entwicklung der westlichen Kunst ausgeübt. 

Es hieß, er habe sich die von ihm porträtierten Bilder nicht vorgestellt, sondern sie wie in einer Vision gesehen.

Schaut man sich in diesen Zeiten, mit einem beängstigenden Virus und anderen Katastrophen weltweit, Michelangelos “Das Jüngste Gericht” an, drängt sich unweigerlich eine Frage auf: Spricht Michelangelo über uns?

Detail des Jüngsten Gerichts, Fresko, 1536-1541, Sixtinische Kapelle, Vatikanstadt

Man sagt seit jeher, tiefgreifende Kunst spreche zu den Menschen ungeachtet von Zeit und Raum.

Michelangelo sagte einst: „Der Verstand, die Seele, wird durch das Streben, etwas Vollkommenes zu schaffen, veredelt. Denn Gott ist Vollkommenheit, und wer nach Vollkommenheit strebt, strebt nach etwas Göttlichem.“ Vielleicht liegt die ewige Wertschätzung Michelangelos darin, dass er uns hilft, uns an das zu erinnern, was in der physischen Welt und in uns selbst göttlich ist. Vielleicht ist dies der Balsam für die Seele, den er den Menschen bietet: Inspiration und Erhebung.

Joshua Jacobo, der Gründer der New Masters Academy, sieht Michelangelo als seinen größten Kunstlehrer. Jacobo setzte sich auf seiner künstlerischen Reise schon früh das Ziel, jede einzelne, , Zeichnung Michelangelos zu kopieren. Die meisten seiner Fachkenntnisse  gewann er jedoch, indem er den Zeichenprozess des Meisters nicht nur kopierte, sondern versuchte, ihn zu rekonstruieren. Jacobo analysiert die Konstruktion und stimmt sich eher auf die Idee des Entwurfs als auf das fertige Ergebnis ein: „Durch das Studium der Technik und Ästhetik erhält man einen Einblick in den Geist des Meisters, und diese Lektionen gehören zu den wertvollsten.“

Joshua Jacobo besuchte persönlich die Austellung im J.Paul Getty Center in Los Angeles, die eine detaillierte schriftliche Zeichnungsanalyse einer der beeindruckendsten Zeichnungen von Michelangelo „Studien des Oberkörpers eines Mannes,“ bot. Jacobo analysiert die Zeichnung: 

Studien über den Oberkörper eines Menschen, 1511, Michelangelo Buonarotti, Sanguine

„In „Studien des Oberkörpers eines Mannes“ sehen wir, wie Michelangelo einen Entwurf für die Sixtinische Kapelle, die Bestrafung Hamans, ausarbeitet. Es ist eine kühne und schwierige Komposition, voller ungewöhnlicher Winkel und starker Verkürzung. Der linke Arm ist dem Betrachter zugestreckt während der rechte Arm nach hinten und oben streckt. Es ist eine Anspielung an das Thema der Kreuzigung, aber diesmal ist das Opfer dramatisch uns zugewandt anstelle einer horizontalen Ausrichtung. Nach meinem Empfinden muss das eine Studie von einem Aktmodell gewesen sein. Die Idee der Pose hat er im Vorhinein ausgearbeitet. Nach Betrachtung des fertigen Freskosegments ist es klar, warum Michelangelo diese Studien in Fragmenten gemacht hat. Diese Pose in einem fertig zu stellen wäre für das Aktmodell unmöglich durchzuhalten gewesen …….. Diese Zeichnung ist eine wahre Meisterklasse in überlappenden und verkürzten Formen, ein wunderschönes Beispiel sowohl von exzellenter Zeichenfertigkeit als auch ein sicheres Verständnis der menschlichen Anatomie.

Die Bestrafung von Haman, Fresko, Sixtinische Kapelle, Vatikanstadt.

Ein erfahrener Zeichner kann in dieser Zeichnung mit einfachen Linien und Formen erkennen wie diese Illusion von Realismus kreiert wurde.

Dieser Künstler hatte ein wahres Verständnis für die Struktur des Kopfes und des Halses. Er kann frei seine Formen aus seiner Vorstellungskraft kreieren und ist nicht auf reines Kopieren angewiesen.“

Michelangelos vielseitiges, künstlerisches Schaffen war zeitlebens durchdrungen von dem Wunsch, in seiner Kunst die vollkommene Schönheit zu verwirklichen. 

Dies spiegelt sich in zwei bekannten Zitaten des Künstlers wider:

„Wenn ich alles Große genau betrachte, so sehe ich, dass es aus lauter Kleinigkeiten zusammengesetzt ist, und wenn ich ganz genau hinsehe, erkenne ich, dass es so etwas wie eine Kleinigkeit gar nicht gibt.“

Michelangelo (1475 – 1564)

„Nichts macht die Seele so fromm und rein als die Mühe, etwas Vollkommenes zu schaffen; denn Gott ist die Vollendung, und wer ihr nachstrebt, der strebt dem Göttlichen nach. Die Kunst gehört keinem Lande an, sie stammt von Gott.“

Michelangelo (1475 – 1564)
Die heilige Familie mit dem Kleinkind Johannes der Täufer.

Original aus dem Englischen von Masha Savitz: 

bearbeitet von Johanna Schwaiger – Program Director, New Masters Academy

Über die Autorin: Masha Savitz ist Journalistin, Autorin von Fish Eyes for Pearls, Malerin und Filmemacherin, die den bahnbrechenden Dokumentarfilm Red Reign geschrieben und Regie geführt hat.

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