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Nicht „Made in China“: Österreichs Kapazitäten bei Wirkstoff gegen COVID-19 ganz vorne mitzuwirken

+ Exklusiv-Interview mit Professor Johannes Khinast, CEO und wissenschaftlicher Leiter des Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE), der die Produktion des COVID-19 Wirkstoffes nach Graz holen will.

Österreich zeigt in der Corona-Krise großes Potential bei der Wirkstoffindung mitzuwirken. (Bild:istock)

Der Großteil der Medikamente für Österreich wird in China oder Indien produziert. Diese Abhängigkeit und die daraus folgenden Nachteile werden vielen in der aktuellen Situation bewusst. Nach einem Wirkstoff gegen das neuartige Coronavirus sind viele Forscher weltweit auf der Suche. Es zeigt sich dabei, dass Österreich die Kapazität besitzt, bei der Wirkstofffindung und Produktion ganz vorne mitzuwirken.

Die meisten der weltweit produzierten Medikamente stammen aus Indien und China. Auch die europäische Arzneimittelproduktion findet hauptsächlich in Indien statt, wobei ungefähr 70 Prozent aller dafür benötigten Wirkstoffe in China hergestellt werden. Bei Antibiotika beispielsweise liegt der Anteil aus China sogar bei bis zu 90 Prozent der globalen Wirkstoffmengen. 

Schon im Jahr 2018 sprach der Pro-Generika Verband in Deutschland folgendes Problem an: 

„Für viele lebensnotwendige Wirkstoffe fehlt unserem Gesundheitssystem der „Plan B“, falls ein Hersteller ausfallen sollte. Das ist ein beunruhigender Gedanke.“

Während billige Produktion und finanzielles Entgegenkommen vor allem durch das Regime in China in der Vergangenheit für Firmen ein Anreiz war, stimmt die aktuelle Lage nachdenklich. Importketten für dringende Medikamente waren aufgrund der Corona-Pandemie unterbrochen.

China ist sich dieser Abhängigkeit bewusst und scheut nicht davor zurück, damit politische Zugeständnisse einzufordern. So erinnerte die staatlich kontrollierte Nachrichtenagentur Xinhua die amerikanische Regierung daran, dass China die USA in ein „Meer aus neuen Coronaviren stoßen könne“, indem sie den Export an Medikamenten und Schutzausrüstung willentlich stoppen würden. Grund für diese Drohung war, dass die US-Regierung dem chinesischen Regime nicht den geforderten Dank für den Umgang mit dem Coronavirus entgegen brachte.

Rückholung der Produktion durch Corona-Pandemie?

Die Corona-Pandemie hat den Gedanken, sich auf regionale Produktion zu besinnen angeregt – auch was den Wirkstoff für COVID-19 angeht. Allerdings wirft sich dabei die Frage auf, ob verschiedene europäische Länder eigentlich in der Lage wären, dieses Vorhaben schnell genug umzusetzen.

Doch manchmal offenbaren Krisensituationen, das wahre Potential. Dass es nicht immer „Made in China“ sein muss, beweist auch Österreich ganz klar, das als kleines Land nun die Kapazität zeigt, bei der Entwicklung eines Medikaments gegen das neuartige Coronavirus ganz vorne mitzuwirken. 

Österreichs Kapazitäten für ein COVID-19 Medikament

Es war bereits ein Grazer Start-Up, das einen der ersten Wirkstoffe, der in China zur Linderung der Symptome eingesetzt wurde, vorgeschlagen hat. Nun kommt auch einer der derzeit vielversprechendsten Wirkstoff-Kandidaten von einem österreichischem Wissenschaftler, dem Gründer des in Wien ansässigen Biotechnologieunternehmens Apeiron Biologics, Professor Johann Penninger.

Der Wirkstoff APNO1, an dem Professor Penninger und sein Team seit 12 Jahre im Zusammenhang mit dem SARS Virus forschen, wird bereits in einer klinischen Studie an schwerkranken COVID-19 Patienten in Deutschland, Dänemark und Österreich getestet. Hauptsächlich sind Kliniken in Wien, Innsbruck und Salzburg an der Studie beteiligt. 

Studie wurde in China kurzfristig abgesagt, nun in Österreich durchgeführt

Die Testung in den Europäischen Ländern war ursprünglich eigentlich nicht geplant. Der Wirkstoff, der zur Behandlung von akutem Lungenversagen, einem der schwerwiegenden Symptome von COVID-19 entwickelt wurde, hätte in China bereits Ende Februar getestet werden sollen. 

Auf Nachfrage von Vision Times erklärte Professor Penninger in einem schriftlichen Statement: „Es war alles bereit und dann hat die chinesische Regierung alle Pilot Trials gestoppt.“

Dies passierte laut Professor Penninger aufgrund vieler Anfragen für klinische Studien. Die Richtlinien wurden verschärft und auch bereits genehmigte Studien kurzerhand abgesagt. 

Stattdessen wurde die Studie nun nach Europa verlegt, wo sie von österreichischen Steuergeldern unterstützt, Anfang April startete. Zu Beginn des Sommers werden die Ergebnisse laut Professor Penninger ausgewertet sein. 

Wirkstoffproduktion in Österreich möglich

Jedoch einen passenden Wirkstoff zu finden, ist nur ein Teil eines erfolgreichen Medikaments. Dieser Wirkstoff muss im nächsten Schritt auch schnellstmöglich nach geltenden pharmazeutischen Qualitätsstandards hergestellt und geprüft werden. Auch dafür gibt es in Österreich bereits einen vielversprechenden Kandidaten: Das Research Center Pharmaceutical Engineering (RCPE) in Graz. 

Das RCPE in Graz (©Lichtmeier Photography Products)

RCPE ist führendes Forschungsunternehmen für Prozess- und Produktentwicklung in der Pharmazie. Vor kurzem erklärten sie in einer Pressemeldung, dass sie „die Technologie und die Manpower haben“, Notfall-Medikamente gegen COVID-19 schnell und nach hohen Qualitätskriterien zu produzieren, sobald ein geeigneter Wirkstoff gefunden ist. Für dieses Vorhaben stehen sie in enger Kooperation mit Professor Oliver Kappe vom Institut für Chemie und Professorin Eva Roblegg von der Pharmazeutischen Technologie an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Wie diese Produktion möglich ist und was das in Zukunft für Österreich als Pharmazie-Standort bedeutet erfahren Sie im Interview mit Professor Johannes Khinast, CEO und Wissenschaftlicher Leiter des Forschungsunternehmens. 

Interview: 

VT: Professor Khinast, das von Ihnen geleitete Forschungszentrum in Graz RCPE hat in einer Pressemitteilung angeboten, ein Medikament gegen COVID-19 schnellstmöglich produzieren zu können, sobald ein passender Wirkstoff gefunden wurde. Innerhalb von wenigen Tagen sollen im großen Maßstab Medikamente produziert und kontrolliert werden. Wie kann dies ermöglicht werden? Welche Herausforderungen sind dabei zu meistern?

Prof. Khinast: Der große Unterschied zum herkömmlichen Produktionsansatz ist, dass bei uns das Material von Anfang bis Ende durch die Anlage durchfließt, ohne Unterbrechung (Continuous Manufacturing). Normalerweise wird in Chargen produziert, nach jedem Schritt wird die Anlage abgestellt und das Zwischenprodukt getestet. Die normale Pharmaproduktion (inklusive Wirkstoff) dauert in der Regel zwischen 4 Monaten und einem ganzen Jahr. Mit unserem Verfahren fließen die Substanzen durch – es gibt eine Qualitätsüberwachung in Echtzeit. So können wir Medikamente in einigen Tagen produzieren. 

„Pilot Plant“ Anlage des RCPE für schnelle Medikamenten-Produktion (©Markus Trinkel)

VT: Die Qualitätskontrolle erfolgt in dem entwickelten „High Speed Verfahren“ in Echtzeit. Wie ist es möglich dabei trotzdem die hohen Qualitätsstandards einzuhalten, die in Österreich und der EU gefordert sind? 

Prof. Khinast: Dies wird durch die bereits erwähnte kontinuierliche Produktion gewährleistet. Das Material fließt von Anfang bis Ende unter gleichbleibenden Bedingungen und in gleichbleibender Qualität durch die Anlage und wird durch moderne Sensorik überwacht. Die Tatsache, dass nicht nach jedem Schritt die gesamte Anlage abgestellt und dann wieder hochgefahren werden muss, verhindert Qualitätsschwankungen. Am Ende erfolgt aber eine klassische Freigabe, zumindest nach jetzigem regulatorischen Vorschriften.

VT: Ab wann wären Sie in der Lage Medikamente in großen Mengen zu produzieren? Man kann derzeit noch nicht wissen, in welcher Form das Medikament zur Verfügung stehen wird. Wie flexibel ist Ihr „High Speed Verfahren“, um auf verschiedene Darreichungsformen reagieren zu können?

Prof. Khinast: Eine flexible Anlage für oral-verfügbare Wirkstoffe (d.h. Tabletten oder Kapseln) wurde von uns geplant und könnte in einem Jahr realisiert werden. Natürlich wird es spezifische Adaptionen benötigen, je nach Medikament.

VT: Sie sagten in einer Stellungnahme in dem Magazin „Futurezone“, dass Österreich bei der Medikamentenproduktion großteils von China und Indien abhängig ist. Wie schätzen sie diese Abhängigkeit ein und was wären die Vor- und Nachteile, wenn wieder mehr Eigenproduktion in Österreich stattfindet? 

Prof. Khinast: Zurzeit stellen Indien und China mehr als 80 Prozent aller Wirkstoffe her. Deshalb hängen wir auch stark von diesen Ländern ab. Zuletzt hat gerade Indien eine partielle Ausfuhrbeschränkung für 25 Wirkstoffe verhängt, darunter auch wichtige antivirale und antibakterielle Komponenten. Die aktuelle Situation zeigt uns, wie wichtig es ist, hier eine gewisse Unabhängigkeit zu schaffen und die Produktion von Wirkstoffen wieder nach Europa zu verlagern. Dies bedeutet aber natürlich auch ein Ansteigen der Produktionskosten, die unter Umständen auch an den Endverbraucher weitergegeben werden müssen. 

Durch neue Produktionsverfahren, wie dem von uns entwickelten, können die Kosten allerdings niedrig gehalten werden, da zum einen Qualitätsschwankungen (und damit Ausschuss) vermieden werden, und zum anderen die Anlagen im Vergleich zur klassischen Pharmaproduktion wesentlich kleiner und damit billiger sind. Das gilt auch für die Lagerhaltung.

VT: Die Technologie wurde bereits während den letzten sechs Jahren entwickelt. Wie war das Feedback dafür in Österreich vor der aktuellen Corona-Pandemie und wie hat sich dies aktuell verändert?

Professor Johannes Khinast

Prof. Khinast: Wir haben bereits vor der Corona Krise mit nationalen und internationalen Partnern aus Industrie und Wissenschaft eng kooperiert und sehr erfolgreich gemeinsame Projekte abgewickelt. Das öffentliche Interesse hat sich aber natürlich in der aktuellen Situation gesteigert und bietet die Chance, dieser neuen Technologie eine noch größere Plattform zu bieten. Ich zweifle nicht an der Realisierung unseres Konzeptes.

VT: Ebenfalls ein österreichischer Forscher, Professor Josef Penninger, testet gerade einen Wirkstoffkandidaten an ersten Patienten. Er sagte in einer Stellungnahme, dass er mit österreichischen Unternehmen bezüglich der Produktion im Gespräch sei. Stehen Sie diesbezüglich in Kontakt?  

Prof. Khinast: Wir stehen mit Prof. Penninger derzeit nicht in Kontakt, sind aber natürlich für Gespräche offen. Generell sind zurzeit weltweit viele Substanzen in der früh-klinischen Phase und es gilt abzuwarten, welcher Wirkstoff sowohl aktiv ist, aber auch ein tolerierbares Sicherheitsprofil aufweist. Aus der Vergangenheit ist bekannt, dass die Wirkstoffentwicklung hochriskant ist und man nicht abschätzen kann, ob eine hoffnungsvolle Entwicklung am Ende auch erfolgreich ist. Wir beobachten daher die gesamte internationale Szene, hoffen aber natürlich, dass der „österreichische Wirkstoff“ Erfolg hat. Das würde, gemeinsam mit unseren innovativen Produktionsmethoden, den Life-Science Standort Österreich noch weiter bekannt machen.

VT: Sie führen gerade Gespräche mit Bund, Land und auf EU-Ebene, um im größeren Maßstab ein Zentrum für österreichische Pharmaproduktionsfirma zu etablieren. Das notwendige Budget dafür schätzen Sie bei 30 bis 35 Millionen Euro. Können Sie schon etwas zur Entwicklung dieser Gespräche sagen? Welche Vorteile hätte das Zentrum in der Zukunft, auch wenn die Corona-Krise vorbei ist? 

Prof. Khinast: Das Interesse ist groß, die Gespräche gehen in die richtige Richtung. Die Vorteile liegen ganz klar auf der Hand: Eine österreichische und damit europäische High-Speed Pharmaproduktionsfirma würde uns eine größtmögliche Unabhängigkeit von den derzeitigen Hauptproduzenten pharmazeutischer Wirkstoffe – China und Indien – bringen. Wir erleben gerade, was es heißt, wenn ausländische Produktions- und Lieferketten unterbrochen werden. Diesen Einschränkungen könnten wir mit einem Produktionsstandort in Österreich und Europa klar entgegenwirken. 

VT: Herzlichen Dank für das interessante Interview und alles Gute für das Vorhaben die Arzneimittelproduktion in Österreich zu stärken!

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