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Warum Schönheit wichtig ist

Trevi-Brunnen in Rom (Bild: Canvas)

Am 12. Januar 2020 verlor die Welt einen großen Philosophen, einen herausragenden Intellektuellen und eine seltene Stimme, die die Bedeutung der Schönheit vertrat.

Der britische Schriftsteller und Philosoph Roger Scruton widmete sich der Aufgabe, die Schönheit zu pflegen und „die Welt neu zu verzaubern“. In seinem Dokumentarfilm „Why Beauty Matters“ argumentiert Scruton, dass Schönheit ein universelles menschliches Bedürfnis ist, das uns beflügelt und dem Leben einen Sinn gibt. Er sieht Schönheit als einen Wert, der ebenso wichtig ist, wie Wahrheit oder Güte, der „Trost in der Trauer und Bekräftigung der Freude“ spendet und somit beweist, dass das menschliche Leben wertvoll ist.

Laut Scruton geht die Schönheit in unserer modernen Welt verloren, was vor allem die Bereiche der Kunst und der Architektur betrifft. Als ich in London aufwuchs, empfand ich den Großteil der modernen Kunst und der neuen Architektur meist irritierend, da ich mich im Leben und in der Kunst dafür entschieden habe, die Schönheit in den Dingen zu sehen. Nun habe ich mich in Florenz niedergelassen, wo ich von Schönheit umgeben bin, und kann nun die Auswirkungen, welche diese auf den Alltag haben kann, verstehen.

Scrutons Verachtung für die moderne Kunst beginnt mit dem Pissoir von Marcel Duchamp. Ursprünglich ein satirisches Werk, das die Welt der Kunst und den damit verbundenen Snobismus verhöhnen sollte, entwickelte sich darüber die Auffassung, dass alles Kunst und jeder ein Künstler sein kann. Es entstand ein „Kult der Hässlichkeit“, bei dem die Originalität über die Schönheit gestellt wird und die Idee wichtiger wurde als das Kunstwerk selbst. Scruton meinte, dass die Kunst zu einem Witz wurde, der von den Kritikern unterstützt wurde und die Erfordernis von Talent, Geschmack oder Kreativität beseitigte.

Dies sprach mich besonders an und erinnerte mich an meinen Grundkurs am Chelsea College of Art in London vor über zehn Jahren. Ich war aufgeregt, endlich an der Kunstschule zu sein, nur um von den Tutoren belehrt zu werden, dass Malen und Zeichnen altmodisch und nicht mehr relevant sei. Stattdessen wurde ich ermutigt, Kunst mit Fundobjekten zu machen. Ich fertigte Skulpturen aus Plastikbesteck an und entwickelte eine Vorliebe für Blödeleien, während der Gruppenpräsentationen. Ich kommentierte alles als phallisch oder nostalgisch, was mir Lob seitens der Tutoren einbrachte.

Einmal traf Scruton auf den Künstler Michael Craig-Martin und fragte ihn nach seinem ersten Eindruck von Duchamps Pissoir. Martin ist vor allem für sein Werk „An Oak Tree“ bekannt. Es besteht aus einem Glas Wasser auf einem Regal und einem Text als Erklärung daneben, warum es sich um eine Eiche handelt. Martin argumentiert, dass Duchamp die Fantasie anregt und dass Kunst eine Kunst ist, weil wir sie als solche betrachten.

Als ich „An Oak Tree“ zum ersten Mal sah, war ich verwirrt und hatte das Gefühl, dass ich vielleicht nicht den Intellekt hatte, es zu verstehen. Als ich es später an der Kunstschule in Frage stellte, lautete die Antwort immer: „Du verstehst es einfach nicht“, was zu einer allgemeinen Verteidigung wurde. Mich erinnerte das an Hans Christian Andersens Kurzgeschichte „Des Kaisers neue Kleider“, in der es um zwei Weber geht, die einem Kaiser einen neuen Anzug versprechen. Sie meinen, dass er für diejenigen unsichtbar ist, die untauglich für ihre Positionen, dumm oder inkompetent sind. Aber in Wirklichkeit weben sie überhaupt keine Kleidung.

Scruton argumentierte, dass die konsumorientierte Kultur der Auslöser für diesen Wandel in der modernen Kunst war. Uns wird immer etwas verkauft, durch Werbung, die unseren Appetit auf etwas nährt, Werbung, die versucht, dreist und unverschämt zu sein und um unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Kunst ahmt die Werbung nach, wie Künstler versuchen, Marken zu schaffen, das Produkt, das sie verkaufen, sind sie selbst. Je schockierender und unverschämter das Kunstwerk, desto mehr Aufmerksamkeit erhält es. Besonders beunruhigt war Scruton über Piero Manzonis Kunstwerk „Artist’s Shit“, das aus 90 Blechdosen besteht, die mit den Exkrementen des Künstlers gefüllt sind.

Ein gängiges Argument für die moderne Kunst ist, dass sie das moderne Leben in all seiner Unordnung und Hässlichkeit widerspiegelt. Allerdings legte Scruton nahe, dass die große Kunst das Reale immer im Licht des Ideals gezeigt hat und es dadurch transformiert wird.

Ein großartiges Gemälde hat nicht unbedingt ein schönes Motiv, aber es wird durch die Interpretation des Künstlers schön gemacht. Rembrandt zeigt dies mit seinen Porträts von faltigen alten Frauen und Männern. Mit Mitgefühl und Freundlichkeit malt auch Velazquez die Zwerge am spanischen Hof. Moderne Kunst nimmt oft das Thema wörtlich und verfehlt den kreativen Akt. Scruton drückt diesen Punkt durch den Vergleich von Tracey Emins Kunstwerk „My Bed“ und einem Gemälde von Delacroix über das Bett des Künstlers aus.

Rembrandt, Detail des Bildes „Eine alte Frau beim Lesen“ 1655 (Bild: Canvas)

Die Themen sind die gleichen. Die ungemachten Betten in all ihrer schäbigen Geringschätzung. Delacroix bringt durch die überlegte Kunstfertigkeit seiner Interpretation Schönheit in eine Sache, der es an Schönheit fehlt, und verleiht damit seinem eigenen emotionalen Chaos einen Segen. Emin teilt die Hässlichkeit, die das Bett zeigt, indem sie das tatsächliche Bett verwendet. Laut Emin ist es Kunst, weil sie meint, dass es Kunst sei.

Philosophen vertraten die Ansicht, dass wir durch das Streben nach Schönheit die Welt als unsere Heimat gestalten. In der traditionellen Architektur steht die Schönheit vor dem Nutzen, mit verzierten dekorativen Details und Proportionen, die unser Bedürfnis nach Harmonie befriedigen. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht nur praktische, sondern auch moralische und spirituelle Bedürfnisse haben. Oscar Wilde sagte: „Alle Kunst ist absolut nutzlos“, was als Lob zu verstehen ist. So wird die Kunst über den Nutzen und auf eine Ebene mit Liebe, Freundschaft und Bewunderung gestellt. Diese sind zwar nicht unbedingt nützlich, aber umso notwendiger.

Wir alle kennen das Gefühl, welches bei der Betrachtung von etwas Schönem entsteht. Dabei werden wir von der Schönheit aus der gewöhnlichen Welt in die, wie Scruton es nennt, „erleuchtete Sphäre der Einkehr“ versetzt. Es ist, als ob wir die Gegenwart einer höheren Welt spüren. Seit den Anfängen der westlichen Zivilisation haben Dichter und Philosophen die Erfahrung der Schönheit als eine Einladung zum Göttlichen gesehen.

Platon beschrieb die Schönheit als eine kosmische Kraft, die in Form von sexuellem Verlangen durch uns fließt. Er trennte das Göttliche von der Sexualität durch die Unterscheidung zwischen Liebe und Begierde. Begierde bedeutet, für sich selbst zu nehmen, während Liebe bedeutet, zu geben. Platonische Liebe nimmt die Begierde weg und lädt uns ein, uns mit ihr geistig und nicht körperlich zu beschäftigen.

„Schönheit ist ein Besucher aus einer anderen Welt. Wir können nichts mit ihr tun, außer ihre reine Ausstrahlung zu betrachten.“ –

Platon

In religiösen Kunstwerken wurden traditionellerweise Kunst und Schönheit vereint. Allerdings wurde durch die Einflussnahme der Wissenschaft ein spirituelles Vakuum geschaffen. Die Menschen begannen, in der Natur nach Schönheit zu suchen, und folglich gab es eine Verschiebung von religiösen Kunstwerken hin zu Bildern von Landschaften und menschlichem Leben.

In der heutigen Welt der Kunst und Architektur wird Schönheit als eine Sache der Vergangenheit verachtet. Scrutons Vision von Schönheit gibt der Welt einen Sinn und rettet uns vor sinnlosen Routinen, die uns an einen Ort höherer Betrachtung führen. Er mahnt, uns nicht an der Realität zu rächen, indem wir ihre Hässlichkeit zum Ausdruck bringen. Vielmehr ermutigt er uns, dorthin zurückzukehren, wo das Reale und das Ideal noch in Harmonie existieren können, „um unsere Leiden zu lindern und unsere Freuden zu verstärken“.

Durch die Schulung einer Ihrer Sinne, werden Sie in eine erhöhte Welt eingeweiht. Da ein Künstler überall Schönheit erkennen kann, ist er in der Lage, diese Schönheit zu extrahieren, um sie anderen zu zeigen. Ich betrachte die Natur als das Schönste und sie stellt deshalb den besten Katalysator für Kreativität dar. Der tonalistische Maler George Inness riet den Künstlern, ihre emotionale Reaktion auf ihr Motiv zu übertragen, damit der Betrachter diese im besten Fall auch fühlen kann. Das ist der Schwerpunkt meiner künstlerischen Arbeit: meine Liebe zur Natur auszudrücken und diese Schönheit mit anderen zu teilen.

Vor sechs Jahren erhielt ich eine Auszeichnung für meinen Aufsatz über meine ‚Ästhetische Vision in der Kunst‘. Der Preis war ein dreiwöchiges Stipendium in der Schweiz zum Malen und Diskutieren über die Kunst. Roger Scruton hielt uns einen Vortrag über die Bedeutung der Schönheit und unterstützte die Wiederbelebung der darstellenden Kunst in großem Maße. Er war ein freundlicher und geistreicher Mann, der lächelte, als ich ihm mein Leben als Künstler in Florenz schilderte.

  Englischer Originalartikel hier:

Über die Autorin: Amy Florence ist eine professionelle Malerin aus London, die in Florenz lebt und arbeitet. Ihre Werke sind in privaten Sammlungen in Amerika und Europa zu sehen.

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