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Was wir von Details in der Kunst lernen können

Lawrence Alma-Tadema, „Frühling“ (Detail), 1895, Öl auf Leinwand

Ein prunkvoller Umzug schöner Frauen und Mädchen. Sie steigen mit bunten Blumen und Blumenkränzen eine klassische Marmortreppe herab. Auf dem Gemälde „Frühling“ zeigt Lawrence Alma-Tademas den viktorianischen Brauch, am Morgen des Maifeiertags Kinder loszuschicken, um Blumen zu sammeln. Doch transferierte er die Szene in das alte Rom. Auf diese Weise brachte er die antiken Wurzeln des Festes zum Ausdruck, indem er architektonische Details, Kleidung, Skulpturen und sogar die Musikinstrumente auf römische Originale zurückführte. 

Im Vordergrund dieses großen Ölbildes auf Leinwand steht ein Mädchen in einem zarten hortensienblauen Kleid, das Flöte spielt. Bei näherer Betrachtung sieht man, dass das Mundstück der Silberflöte die Form einer winzigen Kreatur hat. Es ist fast unmerklich. Warum steckt Alma-Tadema in dieses winzige Detail akribisch genau gemalt, so viel Aufmerksamkeit?  

Vielleicht finden wir in diesen schwierigen Zeiten, die unsere Lebens- und Arbeitsräume eingeengt haben, aufschlussreiche Antworten. In dieser Enge wird uns die kostbare Gabe zuteil, unsere Aufmerksamkeit auf die Details zu richten, die sich als heilend, beruhigend und erleuchtend erweisen können. 

Lawrence Alma-Tadema, „Frühling“ 1895, Öl auf Leinwand, J. Paul Getty Museum, Los Angeles

Viele Menschen berichten, dass sie zum ersten Mal Vögel singen hörten und auch die Farben der Gefieder und deren besonderen Rufe bewusst wahrnahmen. Die Beruhigung des äußeren Lärms hilft uns dies zu schätzen und als Kunstliebender kann man dieses herrliche Phänomen, namens Leben, wiederfinden. 

Hier sind fünf Lektionen, die wir von Alma-Tademas Beispiel der Liebe zum Detail, als ein Werk der Liebe und im Dienste der Wahrheit, lernen können. 

1. Der Betrachter fühlt sich von kleinen Kostbarkeiten beschenkt, die sich nach und nach nur demjenigen offenbaren, der darauf achtet

Alma-Tademas Neugier auf die antike Welt war unersättlich und das Wissen, das er erwarb, wurde in über dreihundert Gemälden in antiken archäologischen und architektonischen Entwürfen wiedergegeben. Er sagte: „Also wenn du wissen willst wie die Griechen und Römer aussahen, von denen wir unsere Sprache und unser Denken gelernt haben, komm zu mir. Denn ich kann dir nicht nur zeigen, was ich denke, sondern auch, was ich weiß.“ 

Die Sorgfalt und Mühe, die er in seine Interpretationen von der alten Welt steckte, erlauben uns, sie mit ihm in all ihren Details zu erleben, so als ob wir selbst dort wären.

2. Inspiration des Künstlers entfacht die Inspiration im Betrachter.

Bestimmte Szenen des Filmes Cleopatra (1934) von Cecil B. DeMilles wurden von dem Gemälde „Frühling“ in seinem Reichtum und seiner detaillierten Ausführung inspiriert.

Alma-Tademas Gemälde erfreuten sich später auch großer Beliebtheit, als seine großen Panoramadarstellungen des griechischen und römischen Lebens die Aufmerksamkeit Hollywoods erregten. Diese dienten auch  für das Drama  Die Zehn Gebote 1956 

und für den Epos Ben Hur im Jahre 1959 unter der Regie von William Wyler als Inspiration.

Wenn wir allen Elementen in unserer Arbeit die gleiche Liebe und Sorgfalt legen, geben wir dem Betrachter ein lebendiges Bild, welches reich an Design ist. Wenn ein Künstler Bereiche, die er nicht wichtig findet, vernachlässigt, werden sie in der Vorstellungskraft des Betrachters nur vage wahrgenommen. Indem wir uns auf Details konzentrieren, übernehmen wir als Künstler die Verantwortung und laden andere in unsere Welt ein, um sie zu neuen Ideen zu inspirieren.

Leonardo Da Vinci hat einmal gesagt: „Details sind es, die Perfektion ausmachen, aber Details sind alles andere als eine Kleinigkeit.

3. Die sorgfältige Beobachtung der Details der Natur nährt unsere tiefe Wertschätzung des Lebens und der Welt um uns herum

Als Künstler trainieren wir unsere Augen, um uns immer und überall über Schönheit zu wundern.

Der weltberühmte Künstler Glenn Vilppu sagt: „Man sieht erst etwas, wenn man es zeichnet; ansonsten denkt man, dass man etwas sieht, aber man sieht es nicht wirklich“.

Es ist eine Art Hingabe gegenüber dem Handwerk und dem Thema vor einem, die Verpflichtung, die Wahrheit darüber zu sagen und dabei eine Schönheit oder eine Essenz zu enthüllen. 

Wenn wir mit ungeteilter Aufmerksamkeit studieren, ist es, als ob unser Bewusstsein bis in die kleinsten Räume vordringt. Dies wird zu einem Akt der heiligenden Schöpfung. 

Nach den orthodoxen Traditionen geht es in den Künsten darum, die Schöpfung zu preisen, und die Darstellung der kleinsten Details wird als heilig angesehen. Michelangelo sagte: „Das wahre Kunstwerk ist nur ein Schatten der göttlichen Vollkommenheit.“       

Die Darstellung der Details in der natürlichen Welt ehrt die Schöpfung, und dies ist der Schöpfer in uns, der dies nachahmen und sich somit gegenseitig an die Pracht und das Wunder der Schöpfung erinnern kann. 

Wenn der amerikanische Filmproduzent Wes Anderson in seinen inzwischen zum Markenzeichen gewordenen Filmen akribisch farblich abgestimmte Innenräume schafft, oder der Maler Jan Vermeer (1632-1675) seinem Gemälde „Die Malkunst“ mit schwarz-weiß gefliestem Boden besondere Perspektive verleiht, staunen alle über die Aufmerksamkeit, die jedem einzelnen Detail gewidmet wird, um die Authentizität der Welt zu schaffen, die sie heraufbeschworen haben.

„Das ist die Art von Film, die ich gerne mache, wo es eine erfundene Realität gibt und das Publikum an einen Ort gelangt, an dem es hoffentlich noch nie zuvor war. Es sind die Details, aus denen die Welt gemacht ist“, sagte Wes Anderson.

Jan Vermeer „Die Malkunst“ etwa 1665/66

4. Der Fokus auf Details bildet unsere Fähigkeit für Geduld, Stärke, Entschlossenheit und Standhaftigkeit.

„Genie ist ewige Geduld“, sagte Michelangelo.

Wir kommen in unserer „Wegwerf – Gesellschaft“ in Versuchung das Gefühl zu haben, dass unsere Bemühungen nicht anerkannt werden oder gar nicht effizient sind. Einmal wurde eine Kostümbildnerin in einem Buch über das San Francisco Ballett gefragt: „Warum verbringst du so viel Zeit mit den winzigen Details der Kostüme, obwohl das Publikum diese nie sehen wird?“ Und sie antwortete: „Die Tänzer werden es sehen und dadurch besser tanzen.“

5. Aufmerksamkeit auf das Spezifische lässt das Universelle entstehen

Die amerikanische Schriftstellerin Jacqueline Woodson sagte: „Je spezifischer wir sind, desto umfassender kann etwas werden. Das Leben steckt im Detail. Wenn Sie verallgemeinern, schwingt es nicht mit. Die Spezifität ist das, was schwingt.“                

Die amerikanische Schriftstellerin Harriet Beecher Stowe (1811-1896) bemerkte: „In kleinen Dingen wirklich groß zu sein, wirklich edel und heldenhaft in den langweiligen Details des Alltags zu sein, ist eine Tugend, die so selten ist, dass sie der Heiligsprechung würdig ist.“

Selbst der berühmte Bankräuber Willie Sutton, alias Slick Willie, meinte einmal: „Erfolg in jedem Bemühen erfordert zielstrebige Liebe zum Detail und totale Konzentration.“

Im späten 19. Jahrhundert beharrte der französische Maler William Adolphe Bouguereau (1825-1905) auf seinem akademischen künstlerischen Stil und stand einem populären Kunststil der damaligen Zeit, dem sogenannten „Impressionismus“, entgegen. Er sagte: Man muss Schönheit und Wahrheit suchen, Sir! Wie ich meinen Schülern immer sage, muss man bis zum Ende arbeiten. Es gibt nur eine Art von Malerei. Es ist das Gemälde, das dem Auge mit Perfektion präsentiert wird, einwandfrei von schöner und tadelloser Emaille, wie man es in Veronese und Tizian findet.“

Neben Adolphe Bouguereau gab es weitere Maler, die zu dieser Zeit eine ähnliche Absicht verfolgten, darunter Sir Lawrence Alma-Tadema.

Mit einer neu entdeckten Verehrung und Bewunderung für diese Maler sind ihre Arbeit, ihr Engagement und ihre Vision ein Leuchtfeuer für uns alle.

Wenn man sich die Zeit nimmt und sich die Mühe macht, die richtigen Winkel der Perspektive zu finden, all die verschiedenen Grün- und Rosatöne des Rosenstraußes auf dem Tisch zu sehen, die leichten und drastischen Licht- und Dunkelverschiebungen von Stofffalten zu erfassen, dann sind dies die unzähligen Details, die hervorstechen und den Betrachter Ihre Welt sehen lassen. Es steigert unsere Geduld, entwickelt den Respekt vor der Authentizität und kultiviert eine Liebe zum Schönen, die uns noch stärker danach streben lässt, sie darzustellen, was wiederum diese Gefühle bei anderen hervorrufen wird. 

In diesen unerwarteten und beispiellosen Tagen scheint es, dass das Wichtigste in den kleinen Details liegt: unsere Hände zu waschen, uns unserer Gewohnheiten bewusst zu sein und zu wissen, wie wir uns gegenseitig beeinflussen, und dass die Aufmerksamkeit auf scheinbar unbedeutende Details große Fürsorge für uns selbst, füreinander und für die Welt beweist.

Der Originaltitel erschien in Englisch auf Canvas.nma.art.

Über die Autorin: Masha Savitz ist Journalistin, Autorin von Fish Eyes for Pearls, Malerin und Filmemacherin, die den bahnbrechenden Dokumentarfilm Red Reign geschrieben und Regie geführt hat.

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