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Wie der flämische Maler Anthonis van Dyck mit „Social Distancing“ umging

Last updated on 11. August 2020

Ich gebe zu, dass ich während meines Quarantäneaufenthalts mehr als gewöhnlich  in den Social-Media-Feeds gescrollt habe.

Obwohl ich weiß, dass ich meine Zeit besser verbringen hätte können als im Internet zu surfen, war es doch erfrischend zu beobachten, dass viele User doch kreativer als früher posten. Sie erstellen unterhaltsame Videos von ihren Familien, teilen ihre künstlerischen Talente, machen Malvorführungen und veröffentlichen sogar ihre schillernden Gesichtsmasken. Es ist faszinierend, welche Wirkung die Macht der Kunst in Zeiten von Not und Ungewissheit zu haben scheint.

Wenn Sie sich schon länger vornehmen ein Bild zu malen oder Sie kaum Zeit dafür hatten ein begonnenes fertig zu stellen – jetzt ist der beste Zeitpunkt dies alles nachzuholen, um es dann der Welt zu zeigen.

Einer der größten Meister, der flämische Künstler Anthonis van Dyck, schuf während seiner sechsjährigen Quarantäne, die er in der Zeit der schwarzen Pest in Palermo verbringen musste, eine Reihe seiner besten Werke und wurde dadurch der führende Hofmaler Englands.

1624 wurde van Dyck kurz nach seiner Ankunft in Palermo wegen des Pestausbruchs, welcher bis heute zu den schlimmsten in der Geschichte Italiens zählt, unter Quarantäne gestellt. Er verbrachte seine Zeit damit eine Reihe von Gemälden der Schutzpatronin Palermos, der Hl. Rosalia, zu schaffen. Er wollte den leidgeprüften Menschen mit dem was er am besten konnte Trost spenden: mit seiner Kunst.

Palermo  im Jahr 1600 wo Van Dyck sechs Jahre während der Pest in Quarantäne war. (Bild: canvas)

Van Dyck war ein Schüler von Peter Paul Rubens. Er gilt als flämischer Barockkünstler des 17. Jahrhunderts und spezialisierte sich auf religiöse-, mythologische- und Porträtmalerei. Auf seinen häufigen Reisen durch Europa studierte er Kunst und erschuf viele Gemälde. Als er 1621 nach Italien reiste, nahm sein Leben eine Wendung: er konnte nicht ahnen, dass er dort für die nächsten sechs Jahre bleiben werden müsste.

Man kann sich van Dyck inmitten der Katastrophe in etwa so vorstellen: Eines Tages reiste van Dyck von Genua nach Palermo, um an einer künstlerischen Aktivität teilzunehmen. Dort angekommen ging er zu seiner Arbeitsstätte und stellte fest, dass in der Stadt die Pest wütete. Um der Gefahr zu entgehen erwog er die Stadt zu verlassen. Es wäre wahrscheinlich nicht schwierig für ihn gewesen, Palermo zu verlassen, da er Rubens sehr gut kannte. Denn Rubens war nicht nur ein Künstler, sondern er war auch Diplomat. Rubens war früher zudem Hofmaler von König Jakob I. Mit anderen Worten – van Dyck hatte Beziehungen.

Da es in Palermo aber einiges für ihn zu tun gab und van Dyck auch keine Angst hatte, blieb er. Er richtete sich inmitten der pestverseuchten Stadt eine Atelierpraxis ein und arbeitete für seine Gönner. Von den Menschen bekam er Aufträge wie  Porträts oder religiöse Gegenstände zu malen, die dazu dienten, den Glauben ihrer Lieben während der Leidenszeit zu vertiefen.

Da kam die Nachricht, dass in einer nahe gelegenen Höhle Überreste gefunden wurden, die von der heiligen Rosalia stammen sollten. Daraufhin fiel ganz Palermo in einen religiösen Rausch. Die Menschen begannen, die heilige um Hilfe zu bitten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Geschehnisse van Dyck als Fremden in dieser Stadt  unbeeindruckt ließen. Womöglich verängstigten, verwirrten und faszinierten sie ihn auch ein bisschen. 

Rosalia wurde als junges Mädchen von Engeln aus ihrem Haus entführt, sie sollte in einer Höhle leben, um sich dort in Liebe zu Gott üben zu können. In der Höhle lebte sie in Askese um ihre Fleischeslust zu überwinden und um eins mit Gott zu werden. Später starb sie in dieser Höhle.

Eine Legende besagt, dass die heilige Rosalia während der Pest in Palermo 1624 einer kranken Frau und einem Jäger erschien. Sie offenbarte dem Jäger, wo ihre sterblichen Überreste in der Höhle zu finden waren und bat ihn, diese in Form einer Prozession durch die Stadt zu tragen. Der Jäger fand die Höhle und ihre Überreste und tat, um was sie ihn bat. Sobald er dies erledigt hatte, verschwand die Pest und die heilige Rosalia wurde zur Schutzpatronin von Palermo.Plötzlich änderten sich die Themen van Dyks Auftraggeber: die Mäzene verlangten von nun an hauptsächlich Bilder der heilige Rosalia. Dabei entpuppte sich das Problem, dass niemand wusste, wie die heilige Rosalia ausgesehen hatte. Van Dyck selbst war von seinem tiefen Glauben ergriffen und machte sich eilends an die Arbeit. 

“Hl. Rosalia bittet für die Stadt Palermo” in 1629 von Anthonis van Dyck. Öl auf Leinwand, 67.8 x 57.5 Zoll. Museum of Fine Art, Puerto Rico. (Public Domain/canvas)

Aus seiner Fantasie heraus konstruierte van Dyck ein Gesicht, einen Körper und Kleidung. Dabei ließ er sich von seinen Erfahrungen, seinem Geist und seinem Herzen leiten. Die Sache wurde noch erschwert, da er während seiner Quarantäne auch keinen Zugang zu Modellen hatte. Es war ihm jedoch von Anfang an bewusst, wie bedeutungsvoll dieses Unterfangen war. Die Stadt ist in ihrer Liebe zu dieser heiligen zusammengekommen. Van Dyck musste es schaffen, ihrem Aussehen und ihrer Geschichte gerecht werden.

Die nächsten Jahre verbrachte van Dyck damit, die heilige Rosalia zu malen. In „Hl. Rosalia bittet für die Stadt Palermo“ zeigt van Dyck die heilige Rosalia in ihrer Höhle; den flehenden Blick nach oben gerichtet, schaut sie ins Licht. Ihre sterblichen Überreste liegen neben ihr auf dem Boden; sie zeigt mit einer Handgeste auf die Stadt Palermo unter ihr.

“Die Hl. Rosalia setzt sich für das pestgeplagte Palermo ein“, 1624 von Anthonis van Dyck. Öl auf Leinwand, 39,2 x 29 Zoll. Metropolitan Museum of Art, New York. (Public Domain/canvas)

In „Die heilige Rosalie setzt sich für das pestgeplagte Palermo ein“ zeigt van Dyck die heilige Rosalia als sie sich in den Himmel erhebt. Sie ist von Engeln umgeben, die sie nach oben ins Licht tragen. Einer der Engel hält Teile ihres Skeletts in der Hand und ein anderer ihre Krönungskrone. Sie schaut ins Licht, aber zeigt auf die Stadt unter ihr – auf Palermo.

“Die Krönung der heiligen Rosalia,” 1629 von Anthonis van Dyck. Öl auf Leinwand, 108 x 83 Zoll. Kunsthistorisches Museum, Vienna. (Public Domain/canvas)

In „Die Krönung der heiligen Rosalia“ zeigt van Dyck die heilige Rosalia im Himmel, wo sie die Jungfrau Maria und das Jesuskind auf seinem Thron trifft. Die heilige Rosalia ist in einem roten Gewand mit einem darüber liegenden goldenen Schal gekleidet. Sie kniet nieder, um ihre Krone aus den Händen Jesu anzunehmen. Auf dem Boden neben ihr liegt ihr Totenschädel und einige Lilien, die ihre reine Liebe zu Gott andeuten.

Diese Bilder bedeuteten mehr als nur die Darstellung einer Geschichte. Die heilige Rosalia wird in all diesen Gemälden in Verbindung mit Palermo oder als dessen Vermittlerin dargestellt. Diese Gemälde dienten als Vermittler zwischen den Menschen und ihrem Gott; sie waren eine physische Manifestation von Gebet und Hoffnung. Als die Bewohner Palermos die Bilder sahen, sagten sie nicht: „Das ist ein schönes Bild! Er kann sehr gut malen!“. Nein sie hatten viel mehr ein Gefühl, also ob ihr Leben von ihnen abhängen würde.

Ich kann mir gut folgendes Szenario vorstellen: als van Dyck  ein Gemälde fertig gemalt hatte, stellte er sich die Menschen beim Betrachten des Bildes vor. Er stellte sich vor, wie diese Tränen in den Augen und Liebe und Hoffnung in ihren Herzen hatten und erkannte, dass die Kunst viel mehr ist als er selbst: ihre Kraft ist jenseits dessen, was er verstehen kann. Als er die Reaktion der Menschen auf seine Kunstwerke sah, spürte womöglich auch er Liebe und Hoffnung in seinem Herzen.

Kurz darauf war die Stadt Palermo von der Pest befreit. Die Pest erreichte ihren Höhepunkt während der Renaissance in Europa, und die Renaissance entstand zum Teil als Reaktion auf diese Zerstörung. Auch wenn wir jetzt harte Zeiten durchmachen, da sich COVID-19 auf der ganzen Welt verbreitet, dürfen wir nicht vergessen, dass die Kunst mächtig ist und Erleichterung, Trost, Hoffnung und Liebe vermittelt. 

Ob es nun die Kreativität der Menschen in den sozialen Medien ist oder das Betrachten meisterhaft gemachter Werke: Kunst eine Verbindung zu etwas tief in uns selbst herstellen, während wir uns durch unsere Existenz kämpfen; Sie hat das Potenzial, die Entwicklung dessen, was wir werden, voranzutreiben. 

Den englischen Originalartikel finden Sie hier.

Über den Autor: Eric Bess ist Kunstprofessor an der Universität Wittenberg, Doktorand in Kunsttheorie am Institute For Doctoral Studies In the Visual Arts (IDSVA), professioneller Ölmaler und Tätowierlehrling.

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