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Wie viel Wissenschaft ist zu viel Wissenschaft?

(Bild: iStock)

Der Zugang zur Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten große Veränderungen erfahren. Während sie früher durch den beständigen Willen etwas Bedeutsames zu entdecken angetrieben wurde, wird die Wissenschaft heute immer stärker vom schnelllebigen Markt diktiert. Was früher als die Berufung von einigen wenigen galt, ist heute der Beruf von vielen. Eventuell zu vielen? Mit dieser Frage und den Folgen der heutigen Arbeitsweisen beschäftigt sich Prof. Gianfranco Pacchioni in seinem neuen Buch „The Overproduction of Truth“.

Im Orginaltitel des im August 2018 auf Italienisch erschienenen Buches stellt Grianfranco Pacchioni, Professor für Materialwissenschaften an der Universiät in Mailand, die Frage „Scienza, quo vadis?“. Die englische Übersetzung “The Overproduction of Truth- Passion, Competition, and Integrity in Modern Science“ („Die Überproduktion der Wahrheit“- Leidenschaft, Konkurrenzkampf und Integrität in der modernen Wissenschaft) verrät hingegen schon etwas mehr über den Inhalt des Buches.  

Zum heutigen Zeitpunkt gibt es mehr Menschen in wissenschaftlichen Berufen als jemals zuvor, die auch mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen produzieren als jemals zuvor. Dennoch nimmt die Anzahl neuer Entdeckungen, die zu wichtigen Errungeschaften führen, ab. Prof. Pacchioni fasst in seinem Buch zusammen, dass es einige Probleme direkt im Herzen der Wissenschaft gibt, unter anderem die steigende Zahl an wissenschaftlichen Fachzeitschriften sowie der enorme Druck, vor allem für junge Wissenschaftler, zu publizieren und zitiert zu werden. 

Diese Entwicklung bringt viele negative Konsequenzen mit sich, wie Plagiarismus, das Veröffentlichen falscher oder schlecht geprüfter Daten, sowie die vermehrte Veröffentlichung von zwar gut geprüften, aber schlichtweg nicht relevanten Daten.

Im Oktober 2018 sagte Prof. Pacchioni in einem Interview mit DW auf die Frage, dass es zwar gute und schlechte Wissenschaft gäbe, aber ob dabei vergessen würde, dass Wissenschaftler auch nur Menschen seien: „Das ist genau der Punkt: Wissenschaft ist eine menschliche Aktivität und es gibt einen ethischen Aspekt der Gesellschaft. Niemand brachte mir die ethischen Grundlagen der Wissenschaft bei, aber ich lernte sie in dem ich Menschen folgte, die sich strikt an ethische Prinzipien gehalten haben. Heute mit dem schnellem Wachstum der wissenschaftlichen Gesellschaft, beginnen diese ethischen Prinzipien zu verschwinden und das ist sehr kritisch.“ 

Prof. Pachhioni ist überzeugt, dass gewissenhafte Wissenschaftler zwar zum jetzigen Zeitpunkt noch in der Mehrzahl sind, aber dass Menschen, die unter Druck stehen und denen ethische Grundprinzipien fehlen, dazu neigen, zu veröffentlichen, was sie immer sie wollen. Das würde zu  großem Schaden führen.  

„Publish or perish“ – „Veröffentliche oder gehe unter“

Der moralische Verfall der wissenschaftlichen Grundprinzipien zeigt sich in dem oft verwendeten Motto „Publish or perish – Veröffentliche oder gehe unter“, das vor allem jungen Forschern an Universitäten verinnerlicht wird. Oft wird anhand der Anzahl der Publikationen über den Erhalt von Forschungsgeldern, sowie der Verlängerung oder Auflösung von Personalstellen (ein weiteres gängiges Motto „Wer schreibt, der bleibt.“) entschieden.  

„Veröffentliche oder gehe unter“- Vor allem junge Wissenschaftler leiden unter dem Druck um jeden Preis zu publizieren. (Bild: iStock)

Die Lage wird von einer steigenden Zahl an „Betrugs – Journale“, die ohne zu Hinterfragen jede Einreichung veröffentlichen, sowie „Raub-Journale“, in denen man gegen Geldsumme ohne jegliche Qualitätskontrolle veröffentlichen kann, ausgenutzt.  

Peer Review und “Fake-Science”

Peer Review (Anmerkung: Eine Kontrolle der wissenschaftlichen Arbeit durch einen oder mehrere unabhängige Gutachter aus dem gleichen Fachgebiet vor der Veröffentlichung) ist eine Methode, mit der die Qualität der wissenschaftlichen Veröffentlichungen gesichert und kontrolliert werden sollte. Dennoch häufen sich die Fälle, wo das System versagt. 

John Bohannan, Wissenschafts-Journalist mit PhD in Molekularbiologie in Oxford, machte 2013 einen Selbstversuch zum Thema „Fake-Science“, in dem er unter falschem Namen, Angabe einer falschen Universität, frei erfundene Daten über eine neue Wunderpflanze bei über 300 wissenschaftlichen Fachzeitschriften einreichte. Über die Hälfte der Journale aktzeptierte die Veröffentlichung ohne Kritik. Er teilte diese Erfahrungen öffentlich unter dem Titel „Who´s afraid of Peer Review?“ (Wer hat Angst vor Peer Review?) in der Hoffnung die Lücken des Systems aufzuzeigen und zu schließen. Allerdings bringt er in einem Interview mit The Scholarly Kitchen, dem offiziellen Blog der Society of Scholar Publishing, seine Enttäuschung über den geringen erzielten Effekt zum Audruck: 

“Ich habe gelernt, dass ich zu naiv und idealistisch gegenüber den Wissenschaftlern war. Ich ging davon aus, dass die Ergebnisse meiner Studie für sich sprechen würden […] und dass sie die öffentliche Diskussion anregen würde und sich die wissenschaftliche Gesellschaft mit gezielten, rationalen Bemühungen dem Problem annehmen würde. Aber das ist weit von dem entfernt was passierte. Stattdessen war es zu 100 % politisch und viele Wissenschaftler, die ich eigentlich respektierte, erwisen sich als die zynischten Politik-Betreiber. […] Ich bin Wissenschaftsjournalist geworden weil ich Journalismus und Wissenschaft liebe. Diese Erfahrung hat meine Überzeugung allerdings etwas erschüttert.“

Seit diesem Selbstversuch sind einige Jahre vergangen, aber erst Ende des Jahres 2018 zeigten der Philosoph Peter Boghossian, der Mathematiker und Autor James A. Lindsay und die Mediävistin und Publizistin Helen Pluckrose, dass sich die Situation nicht verbessert habe. Sie schrieben 20 „Quatschartikel“, von denen 16 in Wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht wurden, wie der Standard berichtete. In einem der Artikel mit dem Titel „Our Struggle Is My Struggle“ („Unser Kampf ist mein Kampf“) wurden zum Beispiel Passagen direkt aus Hitlers „Mein Kampf“ kopiert. Der Artikel erschien unverändert in einer Zeitschrift für feministische Sozialarbeit.

Veröffentlichen um jeden Preis?

Während sich diese Probleme der Wissenschaft in allen Ländern widerspiegeln, sind Länder die in den letzten Jahren wissenschaftlichen Aufschwung erleben, noch mehr davon betroffen. 2016 überholte China erstmals die USA mit der Anzahl an wissenschaftlichen Veröffentlichungen und stellte sich damit an die Weltspitze. Mehr als 426.000 wissenschaftliche Studien (18.5 % der Welt) wurden in diesem Jahr aus China veröffentlicht, während die USA mit 409.000 Veröffentlichungen auf Platz zwei zurückfielen.

Allerdings liegen dieser schnellen Entwicklung auch Schattenseiten zugrunde, nämlich wachsende Schwarzmärkte an gefälschten Journals, gefälschten Peer Reviews und gefälschten Daten. Verschiedene chinesische Universitäten bezahlen hohe Prämien pro veröffentlichtem Artikel an die Wissenschaftler und bis zu 40.000 Euro als Bonus, an jene, die es schaffen in einem renommierten Journal, wie Nature zu puplizieren. Diese Praxis ist an europäischen Universitäten zurzeit noch verpönt. Hier ist das wissenschaftliche Publizieren im Grundgehalt enthalten und wird nicht zusätzlich bezahlt.

Ist die Qualität der Wisschenschaft noch zu retten?

Durch den Druck möglichst viele wissenschaftliche Arbeiten in kurzer Zeit zu produzieren und der immer steigenden Zahl an Wissenschaftlern, nimmt die Qualität der Veröffentlichungen ab. Es wird immer mehr Wert auf Quantität gelegt und ethische Grundprinzipien werden oft in den Hintergrund gestellt. Also welchen Weg wird die Wissenschaft in Zukunft gehen?

Welchen Weg wird die Forschung in Zukunft einschlagen? (Bild: iStock)

Prof. Pacchionis sagt dazu: „Mit den jetzigen Mechanismen der Finanzierung und Karriereentwicklung und so weiter in der Forschung, bewegt sich alles so schnell wie nie zuvor. Es ist sehr schwer zu stoppen, wenn wir nicht unsere Sichtweise verändern, wie Menschen und Institutionen bewertet werden sollen. Dies würde bedeuten mehr auf die Qualität zu achten und weniger auf die Quantität und einer bedeutsamen, gut durchgeführten Studie mehr Wertschätzung entgegenzubringen als vielen Studien die keine Relevanz haben. Das ist zwar leicht gesagt, aber leider schwer zu erreichen.“

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